II. Wo ist das Leben? Anderswo…

Es ist Ende Juni. Und das bedeutet im Sommer eine zweimonatige Veröffentlichungspause des Literaturmagazins Host. Es ist vielleicht erwähnenswert, dass Host nach 1989 an die berühmte Host do domu-Redaktion aus den sechziger Jahren anknüpfte, zu der damals mit seinen Texten auch der heute fünfundachtzigjährige geborene Brünner Milan Kundera beitrug, einer der berühmtesten tschechischen Schriftsteller. Obwohl – tschechisch …

Milan Kundera veröffentlicht von seinen Büchern seit 1975 ausschließlich Übersetzungen, später schreibt er auf Französisch und hatte mit der postkommunistischen Kultur erhebliche Konflikte. Vor acht Jahren wurde er sogar der Zusammenarbeit mit der Staatspolizei beschuldigt, obwohl die Beweise eigentlich nicht wirklich schlüssig waren. Vielleicht auch als Folge dieser und anderer Streitigkeiten, die sich im Wesentlichen seit der Samtenen Revolution durchziehen, verbot der französisch schreibende tschechische Autor Übersetzungen seiner letzten Bücher ins Tschechische, und das so konsequent, dass Raub-Übersetzungen entstanden.
Zum Beispiel der Roman Identität (L’Identité) wurde im Jahr 2006 mit einer beispiellosen Geschwindigkeit aus dem Internet heruntergeladen. Ich schrieb darüber damals einen Beitrag in die Tageszeitung
MF-Dnes, und bis heute habe ich den bitteren Nachgeschmack eines deutlich ethischen Streits – Schleichwerbung für illegale Raub-Übersetzungen machen?

Jetzt ist aber Juni 2016 und Kunderas tschechischer Heimverlag Atlantis hat soeben eine autorisierte Neuauflage von Kunderas Roman Život je jinde (dt.: Das Leben ist anderswo) angekündigt. Der Roman wurde mit einem tschechischen Nachwort von Claude Roy herausgegeben. „Das Thema des Romans ist existenziell: es ist das Thema des Lyrismus. Der revolutionäre Lyrismus interessierte mich deshalb, weil er unerwartet demaskierend ein Licht auf die natürliche lyrische Neigung des Menschen warf“, schreibt Milan Kundera in den Anmerkungen des Verfassers. Milan Kundera schrieb Das Leben ist anderswo auf Tschechisch im Jahre 1969; zuerst erschien es auf Französisch unter dem Titel La vie est ailleurs im Éditions Gallimard im Jahr 1973; und der Roman gewann noch im selben Jahr den französischen Literaturpreis Prix Médicis. Auf Tschechisch erschien es zuerst im Josef Škvoreckýs Exilverlag in Toronto im Jahre 1979. Und nun also erneut!
Stille Freude über die Rückkehr des Meisters des Romans …

Wenn wir schon bei Exilautoren sind, wäre es vermutlich nachlässig, Petr Král (1941) nicht zu erwähnen, der wie Milan Kundera, im Jahr 1969 nach Paris emigrierte und so wie Kundera seine Mission als Literat nicht aufgab. Auf Französisch schrieb Petr Král Rezensionen, Kritiken und Essays, auf Tschechisch weiterhin Lyrik und Prosa. Seit zehn Jahren wohnt er wieder in Prag und letztes Jahr wurden von ihm zwei bedeutende, zu Unrecht übergangene Bände veröffentlicht, und so möchte zumindest ich sie erwähnen. Das Erste ist ein beachtlicher Schmöker von mehr als tausend Seiten mit dem bezeichnenden Namen Vlastizrady (dt.: Landesverrat). Es handelt sich um eine durchdachte, obgleich nicht-akademische, musische Sammlung von Essays, Kritiken und scharfen Polemiken des Dichters, eines ehemaligen Surrealisten und strikten Kritikers der Abtrünnigen von dem „ursprünglichen und einzigen Sinn der Literatur – der Verwunderung und dem Sinn für Genauigkeit“. Das Buch Vlastizrady erschien letztes Jahr im Verlag Torst und man kann dort unter anderem einen demystifizierenden Text über den tschechischen Dichter Karel Kryl lesen, aber auch über andere; ehrabschneiderische, aber kluge Texte aus der Feder eines originellen tschechischen Dichters und Essayisten.
Neben diesem Buch veröffentliche Petr Král letztes Jahr auch das Buch
Město je náš les (dt.: Die Stadt ist unser Wald) (Verlag Fra), an welchem er zwanzig Jahre geschrieben hatte. Und es ist wieder ein Buch, in dem wir, die Leser, weniger Begleiter einer epischen Handlung sind, als viel mehr erstaunte Spaziergänger, die fragmentarische Bilder der Stadt entdecken.

Im Übrigen, was bedeutet eigentlich jenes ständige Rufen nach einem großen Roman im Kontext der zeitgenössischen tschechischen Prosa? Diese Frage stellte sich in der letzten Juni-Ausgabe von Host auch der Chefredakteur Miroslav Balaštík in dem Essay Čekání na román (dt.: Warten auf den Roman). In seinem Artikel kommt er zum Schluss: „damit ein Roman groß wird und über die Literatur hinausgeht, ist das Zusammenwirken dreier Elemente nötig: des Autors, des Interpreten und der Umstände“. Das klingt vielleicht zu akademisch, aber im Grunde geht es Balaštík um eines – die Aussagen zweier tschechischer Literaturkritiker und Skeptiker zu widerlegen – nämlich, von Eva Klíčová und Jiří Trávníček, die schon seit langem wie ein Mantra wiederholen, dass es ohne eine große, narrative Erzählung unmöglich sei, einen großen Roman zu schreiben. Eva Klíčová formulierte das neulich in einer Debatte auf FB noch schneidiger: „Jegliche sprachlichen und formalen Versuche über das Gewöhnliche hinaus zu gehen, sind bereits nur noch gewissermaßen retro, eine verkünstelte Imitation der Avantgarde, ein vorübergehendes Phänomen, das endet.“

Ist mit diesem Ansatz die zeitgenössische Literatur jedoch vollständig in ihrer ganzen Vielfalt zu begreifen und zu erfassen? Da wiederum bin ich ein wenig skeptisch. Denn ich kann mir nicht vorstellen, wie man in solch einem Klima über jenen Stil schreiben kann, den beispielsweise vor zwölf Jahren Dorota Masłowskas Debutroman Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną (dt.: Schneeweiß und Russenrot) in die polnische Literatur brachte, und der, oh Wunder, nicht nur das polnische Publikum begeisterte.

In diesem Licht kann man schon absehen, wie der gerade erschienene, beispielhaft avantgardistische, exzentrisch originelle „vianeske“ Roman Počong des debutierenden Autorenduos Tereza Semotamová und Jakub Vítek in den tschechischen Literaturmagazinen besprochen werden wird (wenn überhaupt). Klar scheint, dass es unmöglich ist, diesen Roman zu übersetzen, aber vielleicht gerade deshalb wäre das für potentielle nicht-tschechische Bohemisten eine schöne Herausforderung. Eine Menge verrückter Wortspiele und Scherze bringen eine angenehme Frische in die langweilige Mode von rechtschaffen narrativen, realistischen Romanen.

Mit dem Tschechischen ist es aber vielleicht auch wie mit einem Gourmetrezept aus Guatemala… Es riecht wunderbar, vor allem die exotischen Zutaten rufen eine psychotropische Konnotation hervor, aber wenn man zu den Wurzeln der heimtückischen Wortspiele vordringt, zieht man vor – sagt sich zumindest die Mehrheit der Tschechisch-Übersetzer und das kann man ihnen nicht verdenken – etwas Altbewährteres anzupacken, an dem man sich nicht die Zähne ausbeißt.

Die Zähne eher nicht ausbeißen werden sich potentielle Übersetzer an der siegreichen Prosa des diesjährigen Jiří-Orten-Preises, der Sammlung von Erzählungen Spoušť (dt.: Verwüstung) der jungen Debutautorin Sára Vybíralová. Ein sympathisch kultivierter, nicht banaler Stil, ein Spaziergang durch die Leere, verknüpft mit Energie und Charme; die Sprache spielerisch und dynamisch (Vybíralová ist übrigens als Übersetzerin aus dem Französischen von der französischen Literatur nicht wenig beeinflusst).

Genug jedoch von ausgebissenen und nicht ausgebissenen Zähnen! Genug von Zahnärzten im Zusammenhang mit fremden Zungen (Vorsicht – Wortspiel!).
Es ist Sommer, endlich auch in Berlin… Die Zeit des Lesens, für Bohemisten sicherlich auch die Zeit des Träumens und der kühnen Pläne für weitere Übersetzungsorgien. Als Anhaltspunkte in der tschechischen Literatur bieten sich, wahrscheinlich mehr als diese Kolumne (in der ich frei mit eingestandener Subjektivität das anbiete, unterstreiche und erkläre, was ich selbst für wichtig erachte), einige grundlegende tschechische Webseiten an, auf denen man praktische Ratschläge dazu finden kann, an wen man sich wenden muss, wenn es um ein Übersetzer-Stipendium geht. Das erteilt meistens das tschechische Kulturministerium, aber alles praktisch Notwendige kann man unter anderem hier finden: http://www.culturenet.cz/, http://www.iliteratura.cz/, http://www.literarni.cz/

In der Bohemistikbibliothek der HU sollten ab nächstem Semester die Zeitschriften Host, Tvar, A2, Revolver Revue und Kontext auf keinen Fall fehlen.

Für Liebhaber der tschechischen Literatur würde ich noch diese Webseiten empfehlen: h7o, Dobrá adresa, Pandora, Texty, H-Aluze, Totem, Wagon oder Pulsy. Und für die, die das Lesen von Literaturmagazinen in Form von Fernsehen bevorzugen, würde ich gerne auf die sogenannte ASAP im Kanal des tschechischen Fernsehens ČT-Art hinweisen, die man auch im Archiv ansehen kann.

Aber das war es schon für die Junikolumne. Oder auch nicht…

Vor ein paar Tagen wurde in Brünn das schon im Mai erwähnte Festival Měsíc autorského čtení (dt.: Monat der Autorenlesungen) eröffnet, in dessen Rahmen auch ein Bohemistikseminar stattfindet. Ich freue mich, wenn Bohemisten eine kurze inspirierende Reflexion über diese Veranstaltungen schreiben. Gerne veröffentliche ich dann einen solchen Text im Rahmen der nächsten Kolumne im September. Mehr über die Veranstaltung gibt es hier.

Liebe bohemistische Leser, ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer mit tschechischen Büchern!

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen Ruben Höppner