XI. Mit Wortnägeln ans Leben angeschlagen

Liebe Studierende, Übersetzerinnen und Übersetzer, Bohemistinnen und Bohemisten. Ich begrüße Euch nach einer längeren Sommerpause wieder auf dieser tschechischen Kolumne. Der Sommer ist vorbei, Altweiber ebenso. Und der zeitige Herbst brachte den neuen tschechischen Staatspreis für Literatur 2017. Der auch in Deutschland bekannte Schriftsteller Jáchym Topol (1962) wurde zum neuen Preisträger. Topol setzte sich schon Ende der neunziger Jahre auf dem deutschen Markt durch, als der Suhrkampverlag seinen Opus Magnum Die Schwester (Sestra) in der Übersetzung von Eva Profousová veröffentlichte. Dieses Mal erhielt er den Staatspreis für sein Lebenswerk, unter Berücksichtigung seines neuesten, dieses Jahr veröffentlichten Romans Citlivý člověk (Ein empfindlicher Mensch, Torst 2017). Damit hat sich dieser, aus dem tschechischen Underground kommende Schriftsteller, endgültig in die tschechischen Klassiker eingereiht. Der Verleihung ging eine kleine Geschichte mit einem tragikomischen oder einfach nur traurigen Beigeschmack voraus: der Roman Citlivý člověk verleugnet im besten Sinne des Wortes nicht seinen Autor. Das heißt, die Erzählung ist wild, beschreibt eine halluzinogene, psychedelische Reise einer Familie mit Kindern durch ein zerstörtes Böhmen, wo es von chinesische Propaganda wimmelt, einer Ideologie von Verfall und Verderben. Es ist ein und gleichzeitig kein politischer Roman. Selbst der Autor behauptet, dass Politik nur der nebensächlichste Effekt des Romans sei, der, wie üblich, eher ein existenzieller, dunkler und wütender Liebesroman mit einer vagen Hoffnungsvision ist. Und dass dort der Name des berühmtberüchtigten tschechischen Präsidenten Miloš Zeman auftaucht? Auch das ist Ergebnis der Freiheit des Autors, nicht der Willkür. Trotzdem hat der innerlich makabre Text Politiker rund um die Prager Burg beleidigt und diese schrieben auf dem prorussischen Portal Parlamentní Listy dieses Jahr im August einen unsinnig aggressiven und hetzerischen Artikel gegen den Autor. Der Skandal war in der Welt und unnötige und ungewollte Berühmtheit für Jáchym Topol ebenfalls. Deswegen ist es eine erfreuliche Nachricht, dass der diesjährige Staatliche Literaturpreis gerade zu dem Autor gewandert ist, der von offiziellen Kreisen der tschechischen „Politelite“ so unsinnig und peinlich denunziert wurde.

Apropos. Topols neueste Prosa erscheint nach einer achtjährigen Pause. Einen kurzen Roman Chladnou zemí (Durch ein kaltes Land) schrieb der Autor 2009 während eines Residenzaufenthalts in Berlin, ein Jahr später übersetzte Eva Profousová den Roman unter dem Namen Teufelswerkstatt (Suhrkamp 2010). Jáchym Topol kommentierte diese längere Schreibpause gern mit den Worten, er sei Beamter geworden und das Schreiben verschöbe er auf unbestimmte Zeit. Glücklicherweise dauerte diese unbestimmte Zeit nur acht Jahre, während derer er aus der Position des künstlerischen Leiters der Václav-Havel-Bibliothek in Prag Dutzende internationale und tschechische Autoren einbrachte, von den Internationalen vor allem diejenigen, die sich in ihrem Werk mit der Politik des Totalitarismus beschäftigen. Vielleicht auch deswegen die politisierte Attacke aus der Prager Burg…

Und noch ein Autor sollte in der Flut der im Sommer veröffentlichten Büchern nicht übersehen werden. Der Dichter, Übersetzer aus dem Russischen und Autor kleinerer Skizzen – Petr Borkovec. Nach einer langjährigen Pause veröffentlichte er die wundersamen Kurzgeschicten Lido di Dante (Verlag FRA), lyrische Skizzen in Prosa. Ein Buch, das mit seiner Erotik und Verspieltheit entfernt an eine leichte Version von Topols Roman erinnert.

Und jetzt etwas Herbstlicheres… Es war Milan Kundera, der Ende der sechziger Jahre in die Brünner Zeitschrift Host do Domu (Gast ins Haus) schrieb, dass ein Roman nur dann ein Roman ist, wenn er gleichzeitig Lyrik ist. Das ist wahr.

Dieses Jahr, der August, und der September, trägt zwei große Verluste für die zeitgenössische tschechische Literatur mit sich, genauer gesagt für die Lyrik. Im Schloss Bítov starb am 10. August der tschechische Dichter Jiří Kuběna (1936-2017), den man oft und zu Recht als Prinzen der tschechischen Lyrik bezeichnet hat. Denn: als Kunsthistoriker bewohnte er nach 1989 das Schloss Bítov und organisierte zusammen mit Martin Reiner in den 90er Jahren einige landesweite Treffen tschechischer Dichter und Kritiker. In den neunziger Jahren gab er die Zeitschriften Box und Vetus via heraus. Außer einer Reihe von Lyrikbänden veröffentlichter er das lyrische Werk Krev ve víno (Blut zum Wein), den Essayband Paní na Duze (Die Frau auf dem Regenbogen) und die Erinnerungen Paměť básníka (Des Dichters Gedächtnis). Der Verlag Host bringt dieses Jahr eine Gesamtausgabe seines Werks in acht Bänden heraus. Jiří Kuběna war Mitglied der tschechischen Gruppe šestatřicátníků (Sechsundreißiger), zu der unter anderem auch der tschechische Dramatiker und Präsident Václav Havel, die bekannteste tschechische Dichterin Viola Fischerová, die Prosa-Schriftstellerin Věra Linhartová, die in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Alena Wagnerová und der Brünner Literat Pavel Švanda gehörten. Zur Zeit der tschechischen Normalisierung gehörte Kuběna zu tschechisch-katholischen Dissidenten und Vertretern homoerotischer Lyrik. Das innere Exil der Dichter tut ihnen gut… Wer es mit der tschechischen Literatur ernst meint, sollte diesen Dichter und sein Werk nicht missen.

Als einen Monat später František Listopad (1923-2017) starb, ist etwas in mir zerbrochen. In einer Dahlemer Bäckerei schrieb ich in kurzer Zeit eine Erinnerung an František Listopad, mit der ich mich von Euch wie der Oktober verabschiede. Nicht nur mit einer Erinnerung, sondern auch mit einem Gedicht von František Listopad, eines vieler Gedichten, die nicht altern werden.

Wir denken, dass sich nichts wirklich ändert. Immer das Gleiche: Alltag, Feiertage. Tag und Nacht. Und dann suchen wir ein Buch im Bücherregal, weil der Dichter, von dem man gedacht hat, dass er für immer hier sein wird, nicht mehr ist. Ein seltsames Gefühl. Und ein seltsamer Tag. Weder Feiertag noch Alltag, irgendwas außerhalb der Unveränderlichkeit. Donnerstagmorgen. Der Tag, an dem es anfängt zu regnen.

An dem es anfing auf mich zu regnen. Im Zimmer in der Krossener Strasse… Bücher von unlängst verstorbenen Dichtern und einer toten Dichterin fielen aus dem Bücherregal auf mich, von denen mir nahen und denen mir nah entfernten.  Es regneten auf mich Gedichtbände, die ich bis auf ein paar Ausnahmen schon vor Jahren aufgehört hatte zu lesen. Früher habe ich tschechische Dichtung einmal wie besessen gelesen.

Und jetzt stehe ich auf dem Stuhl vorm Regal, stöbere vorwurfsvoll in den Gedichtbändern im höchsten Fach und suche František Listopad. Ich suche Listopad und finde Viola Fischerová, ich sehe Buchrücken von Jiří Kuběna, vom Dichter Zbyňek Hejda pellt der Umschlag ab, es fallen mehr und mehr Titel auf mich. Mit dem Finger wische ich Staub von Magor (Pseudonym des tschechischen Lyrikers Ivan Martin Jirous 1944-2011, Anm. d. Übers.) und sage mir, dass sich doch etwas ändert. Es ist vergebens Gedichte für andere Zeiten aufzubewahren. Sie finden einen, egal wo man ist. Andere Zeiten sind zum Beispiel schon heute, am Donnerstag. In Berlin-Dahlem.

■ Jetzt also František Listopad. Nicht im Listopad, dem November auf Tschechisch. Im Oktober. Oder war es noch September? Der František Listopad, über den ich vor 18 Jahren eine Radioreportage gedreht habe. Wir sind in den Bítover Wäldern Pilze sammeln gegangen. Wir aßen Waldbeeren, und er wieherte wie ein Pferd. Ich ein kaum erwachsenes Kind, er ein alternder Mann. In der Radioreportage wieherte er zweimal, dreimal, viermal; ein Lied männlicher Gewagtheit, das Lied eines trunkenen Hahns in seinem Altweibersommer. Er sagte, dass Spontaneität niemals übermütig sein darf, sondern immer konzentriert. Das stimmt. Es gibt Sätze, die sich in uns verhaken. Es gibt Schicksale, die uns nicht loslassen. Und es muss nicht um erotische Intimität gehen, ich war ja noch ein Kind und F.L. schon damals ein alter Mann. Es geht um die Intimität der Mitteilung. Um ein paar wechselseitige, lang verlorene Briefe. Um ein paar Sätze, die nie verloren gehen. Um Worte und Gedichte, die in fremden Häusern fremder Städte das Versprechen des Paradieses bedeuten. Das Exil bekommt Dichtern gut.

So lese ich die Gedichte von František Listopad heute. Die aus dem Gedichtband Rosa definita. Aus einem Band, das mir heute Morgen zusammen mit anderen auf den Kopf fiel und leichten Staub über mich schüttete. Der Buchrücken von Rosa definita berührte die Totenmesse für Pavel Buksa von meiner geliebten Viola F. Die Bücher berührten sich gegenseitig mit den Rücken, Tote neben Nichtlebenden. Vielleicht ist es schließlich so: mit Wortnägeln sind wir ans Leben angeschlagen. Es ändert sich nichts und alles ändert sich.

In Lissabon, in der Bäckerei in Berlin-Dahlem, in den Bítover Wäldern, wo jeder Baumstumpf doch weiß, wo Jiří Kuběna überall spazierte und wo er von einem Fest mit Maria träumte.

Apropos. Für meinen Vater sind Listopads Verse Erscheinungen aus den 1960er Jahren, für mich sind sie Erscheinungen heute. Beim Steinecke.

Spontaneität muss konzentriert sein. Genau wie die Ewigkeit. Wer das in Lissabon versteht, der hat gewonnen. Für immer. František Listopad zum Beispiel.

V zimě u moře (2001)

V zimě u moře je to horší

hoře má jinou polohu

vítr otevírá prostor

a metafyzika touží po něčem jiném

Přibouch jsem dveře prázdného autobusu

Chtěl bych jít s Josefem do teplé krčmy

Ryby se živí pod vodou

pod nimi jiné ryby

V zimě moře nic nevrací

Nikoho vůkol koho bych pozdravil

píšu ve dvou rovinách

moře a já

a pak jen ptáci zmítající se jak plátno praporů

Psi by vyli kdyby

psi by vyli kdyby nebyly ryby

- Kde je tvá žena, ptá se

už dávno jsem ji neviděl

- Co je neviditelné, někdy lze vidět,

odpovídá. Odpověděl jsem.

Stín ani přede mnou ani za mnou

Opilec dívá se na moře

Studierende, Bohemistinnen und Bohemisten, Freunde: lest, schreibt, übersetzt!
Oder lebt. Im Idealfall alles gleichzeitig.

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner