I. Wie geht’s der tschechischen Literatur – lebt sie noch?

Liebe Studenten der Bohemistik an der Humboldt-Universität Berlin, sehr geehrte Tschechisch-Übersetzer, und auch Sie, Unterstützer der tschechischen Literatur bzw. Kultur, ob tschechisch oder nicht. Diese Kolumne Kommentare der Dora K. ist vor allem an Sie gerichtet. An Sie, die die tschechische Literatur und Sprache leben und lieben; für die es ein Abenteuer ist, aus der Nähe oder aus der Ferne die schöne Sonderbarkeit dieser melodischen slawischen Sprache zu entdecken, deren schwierige Grammatik und gewisse Unlogik gleichzeitig abstößt und anzieht.
Nun gut, sagen Sie sich. Und wie geht’s der tschechischen Literaturlebt sie noch? Wer sich diese Frage bisher noch nie gestellt hat, der lebt die tschechische Literatur wahrscheinlich nicht. Deshalb erlauben Sie mir diesen leicht provokanten Titel der heutigen Kolumne. Ich nehme in ihm auch meine persönliche Leidenschaft für die tschechische Literatur vorweg, zusammen mit einer gewissen Skepsis, die jede wahre Leidenschaft logischerweise mit sich bringt.
In meiner Kolumne werde ich versuchen, meine zwanzigjährige Erfahrung des regelmäßigen Schreibens für Zeitungen und Magazine (Lidové noviny, Host, Babylon, Dobrá adresa, u.a.) an sie weiterzugeben.

■ Der Hauptzweck der Kolumne bleibt jedoch, Ihnen, liebe Leser, die Möglichkeit zu geben, sich im Wesentlichen des tschechischen Literaturbetriebes zu orientieren. Dieser Glossar wird monatlich, acht Mal pro Jahr, erscheinen, von Oktober bis Juni. Ich wünsche mir, dass er nebenbei zu einem gegenseitigen Austausch zwischen Tschechisch-Übersetzern führt, dass er nicht nur zum Austausch zwischen Deutschen, sondern auch Tschechen und allen über die ganze Welt zerstreuten Lehrstühlen der Bohemistik und Slawistik anregt. Und nicht nur zwischen ihnen. Das Wesentliche ist Offenheit, die das Medium Blog schon prinzipiell mit sich bringt. Sich der Welt und einander öffnen. Sich der tschechischen Literatur zu öffnen und ihr andererseits auch die Welt jenseits der Grenzen des kleinen tschechischen Karpfenteiches zu zeigen. Deshalb sind mir Ihre Kommentare unter dieser Kolumne, für die ich Ihnen schon jetzt von Herzen dankbar bin, wichtig.

■ Aber lassen Sie uns nicht um den heißen Brei herumreden – werfen wir uns lieber in die frischesten Gewässer des tschechischen Literaturbetriebes. Gerade gestern (12.5.) hat auf der Prager Messe zum 22. Mal die größte Veranstaltung für Literatur und Bücher Tschechiens, die Svět knihy (Welt der Bücher) begonnen. Die Veranstaltung lässt sich von Größe und Umfang her, mit gewissen Bedenken, zum Beispiel mit der Leipziger Buchmesse vergleichen. Das Thema dieses Jahr ist der nordische Krimi und die Stadt als Kulisse. Was das Phänomen nordischer Krimi angeht, beschäftigen sich Übersetzer des Brünner Verlages Host schon einige Jahre erfolgreich damit. Und was ist mit erfolgreichen tschechischen Krimi-Autoren? Darauf antwortet einer der vielversprechendsten tschechischen Krimiautoren (mit dem allerdings eindeutig nicht-tschechischen Namen) Juan Zamora in diesem Artikel.
Aber lassen sie uns zum Buch-Festival zurückkehren. Letzten Endes ist das Genre des Kriminalromans eher ein Phänomen der nordischen Literatur, ich persönlich habe bei Columbo aufgehört und weiß, dass einen heute die Liebe zu Columbo nicht retten wird. Zu retten versuchen heute eher andere, zum Beispiel die Organisatoren des jährlichen Anarchistischen Buchfestivals. Dieses Festival findet diesen Samstag (14.5.) im Prager autonomen Sozialzentrum Klinika statt. Es ist ein kleines Festival, aber umso wirksamer und schlagkräftiger. Der Redakteur des Magazins Host Zdeněk Stazsek hat sich mit dem Organisator des Festivals Jan Hanuš über den Sinn des Festivals, Anarchismus, Polizeigewalt und Literatur ausführlich unterhalten: www.h7o.cz/jak-to-maji-anarchiste

■ Anarchistisch ehrwürdig hat sich auch der Besitzer eines der bedeutendsten tschechischen Verlagshäuser Torst, der Verleger Viktor Stoilov verhalten. Warum? Weil er sich weigerte, die seltsamen Praktiken des Hauptsponsors des bekanntesten tschechischen Literaturwettbewerbs Magnesia Litera zu tolerieren.
Worum ging es in aller Kürze? Ende letzten Jahres forderten die Mitglieder der Tschechischen Schriftstellervereinigung den Sponsor des Musikpreises Český slavík (Tschechische Nachtigall) dazu auf, sich von der faschistoiden Band Ortel, welche beim Wettbewerb den zweiten Platz errang, zu distanzieren. Die Schriftsteller drohten, falls das nicht geschehen würde, den jährlichen Magnesia Litera Bücherpreis zu boykottieren, welcher, gleich wie das Musikfestival, von den Karlsbader Mineralwasserbetrieben gesponsort wird. Der Sponsor reagierte nicht. Und die Schriftsteller? Sie verstummten… Sie sagten sich wahrscheinlich, je weniger Bücher eines bekannten Verlages dabei sind, desto mehr Chancen habe ich auf einen Gewinn. So oder so, nicht Teil nahm an der Verleihung des Buchpreises schlussendlich lediglich der Verlag Torst. Eine lobenswerte Geste, eine ehrwürdige Tat. Aber in Wahrheit ein etwas trauriges Bild einer wunderlichen Unkollegialität der übrigen Verlage und Schriftsteller; ob aus Loyalität oder Gleichgültigkeit gegenüber extremistischen Tendenzen in der tschechischen Gesellschaft. Eines der häufigsten, schelmischen Argumente der Schriftsteller war, dass der Preisträger vom Verleger und nicht von Autoren vorgeschlagen wird, und das Argument der Verleger war schließlich, dass der Sponsor keine faschistische Musikkapelle direkt unterstütze und nichts dafür könne, wenn er einen Preis unterstütze, der indirekt eine solche Kapelle unterstütze… Nun, sei es drum. Somit hat sich zumindest gezeigt, dass Torst ein wirklich ehrbarer Kulturverlag ist, den man auf jeden Fall weiter verfolgen sollte. Für mich möchte ich von den Editionen der letzten zwei Jahren die Aufmerksamkeit zumindest auf das geniale erste Werk aus der Tetralogie von Chaim Cigan lenken, dem früheren Prager Rabbi Karol Sidon, einem bekannten tschechischen Autor der späten sechziger Jahre. Cigans Roman, veröffentlicht 2014, heißt Altschulova metoda (Altschuls Methode) und es wundert mich bis heute, dass über ihn nicht mehr gesprochen wird.

■ Aber zurück zu den verflixten tschechischen Preisen: Hat in Tschechien ein Literat, Verleger, Übersetzer oder sonst in der Literatur umhertaumelnder Künstler überhaupt eine Chance, ausgewählt zu werden? – fragen sich vorsichtige Stimmen. Die Situation im tschechischen Karpfenteich wird wesentlich durch den kleineren Raum (territorial und sprachlich) bestimmt und durch das damit zusammenhängende Problem, dass man, im Gegensatz zu Deutschland zum Beispiel, vom Schreiben nicht wirklich leben kann. Abgesehen vielleicht von dem von der Kritik (zu Unrecht) für immer vernachlässigten Michal Viewegh. Es ist jedoch Unsinn, sich auf den Verfall der tschechischen Literatur oder das mangelnde Interesse von Seiten des Staates herauszureden, denn auch die ungarische Literatur, die durch Orbans Politik in ungünstigem Licht steht, blüht in der Welt. Und nichts ist nur schwarz-weiß. Im Übrigen sind die Gründe, aus denen vor drei Jahren die Vereinigung der Schriftsteller entstand, mehr als gerechtfertigt – aber dazu nächstes Mal mehr.

Aber trotz allem bisher Gesagten ist die tschechische Literaturwelt nicht in so einem miserablen Zustand. Das beweist der Verlag und die Agentur Větrné mlýny (Windmühlen). Sie veranstalten seit dem Jahr 2000 das größte mitteleuropäische Literaturfestival, welches regelmäßig vom 1. bis 31. Juli stattfindet. Nach und nach hat es sein heutiges ehrgeiziges Profil entwickelt, mit zwei Autorenlesungen pro Tag und anschließende Diskussion, immer auf Tschechisch und in der jeweiligen Sprache der Gäste (simultan übersetzt). Im Jahre 2005 hieß das Festival Schriftsteller aus der Slowakei willkommen, ein Jahr später aus Berlin, und in den Jahren darauf aus Weißrussland, Polen, Slowenien, Kanada, Schottland und letztes Jahr Autoren aus der Ukraine, diese Jahr sind Gäste aus Spanien an der Reihe. www.facebook.com/autorskecteni
Das Festival findet zudem in vier zentralen, europäischen Städten statt (Brünn, Ostrava, Košice, Breslau). Eine komplexe Logistik, eine nicht immer perfekte Vorbereitung; nicht abzusprechen ist diesem Riesen-Megafestival aber sein besonderer Sinn für Begeisterung und Improvisation. Außerdem – und deshalb erwähne ich es in erster Linie –, gehört zum Programm ein einzigartiges bohemistisches Seminar. Dieses Jahr wird zum ersten Mal die die Mährische Landebibliothek in Brünn Sponsor sein. Das Programm des Seminars konzentriert sich traditionell auf die zeitgenössische tschechische Literatur und auf Treffen mit Autoren. Es ist in der Tat eine einzigartige Gelegenheit, BohemistInnen von São Paulo bis Tokio kennenzulernen (salbungsvoll gesagt).

■ Das nächste Mal etwas über gute Autoren, von denen es nie genug gibt, und deren Bekanntschaft zu machen ihr, potentielle Übersetzer tschechischer Lyrik und Prosa, sicherlich kaum erwarten könnt. Und vielleicht zum Schluss noch ein wenig Werbung für die Studierenden der Bohemistik in Berlin und überhaupt das Berliner Publikum: vergesst nicht am Donnerstag (19.5.) die Lesung des bekannten tschechischen Dramatikers, Regisseurs, Schauspielers und nicht zuletzt bemerkenswerten Schriftellers Arnošt Goldflam. Die Veranstaltung wird organisiert vom Fachgebiet Westslawische Sprachen der Humboldt-Universität zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Zentrum. Mehr erfahren Sie hier.

Und das wäre für heute tatsächlich schon alles. Wir sehen uns wieder in einem Monat um dieselbe Zeit! Einen schönen, ruhigen Mai wünsche ich mit den Worten Máchas: War erster Mai – war Liebeszeit … oder vielleicht auch ohne Worte…

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen Ruben Höppner