X. Irena Dousková und Hašeks Tanz

Was hat die tschechische Schriftstellerin Irena Dousková (1964) mit Jaroslav Hašek (1883-1923) gemeinsam? Was hat Hašeks Schwejk mit Gregor Samsa aus Franz Kafkas Verwandlung gemeinsam? Und was hat Hašek überhaupt mit Kafka zu tun? (außer den Tatsachen, dass diese zwei Größen, obwohl einer von ihnen ein Deutsch schreibender Prager Jude war, den Kanon der modernen tschechischen Literatur begründeten, und dass sie im gleichen Jahr 1883 geboren wurden?)

Die Eulen sind nicht, was sie scheinen, lautet der legendäre Satz aus der Kultfernsehserie Twin Peaks von David Lynch. Und so ist es auch mit den Büchern des viel zu folklorisierten Jaroslav Hašek und des viel zu überästhetisierten Franz Kafka. In Wirklichkeit ist die Entfernung zwischen ihnen winzig. Als würden sich die beiden in den Beschreibungen von Entfremdung und in unzähligen humoristischen Parabeln, grotesken Spiegeln und schmerzhaften Scherzen bei einem gemeinsamen Bärentanz an den Schultern berühren.

Hašeks Schwejk wurde in mehr als 58 Weltsprachen übersetzt. Kafkas Verwandlung hat an die fünfzig Übersetzungen und gehört heute zur Pflichtausstattung jedes Gebildeten von Tokio über Moskau bis nach Paris, und geographisch kreuz und quer… Schwejks Rapport „Melde gehorsamst“ kennen längst nicht nur Liebhaber des Romans Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk im Weltkrieg. Dank Filmen und Souvenirs gelangte er in das kulturelle Bewusstsein der Massen, so, wie der kleine Maulwurf von Zdeněk Miller. Mit anderen Worten – er erlangte mit der Zeit den Rang des Riesenrades unter den beliebten Jahrmarktsattraktionen. Bemerkenswert und traurig ist dabei, dass Hašeks Schwejk paradoxerweise am meisten im tschechischen Kontext folklorisiert wurde. Aus einer Selbstverständlichkeit unkomplizierter Unterhaltung heraus, die aus Schwejk mit der Zeit eine billige und kitschige Gestalt machte, eine Karikatur seiner selbst. Aber möglicherweise hätte Jaroslav Hašek auch daran seine Freude gehabt… Sein Schwejk war im Prinzip ein clownesk ernsthafter Mensch, permanent im Räderwerk äußerster Angst . „Dann, Herr Feldkurat, ist ein großer Irrtum passiert“, antwortete Schwejk, „ich bin konfessionslos. Ich habe schon immer so ein Pech gehabt.“ Der Feldkurat schaute Schwejk an, schwieg eine Weile, klopfte ihm dann auf die Schulter und sagte: „Sie können den Messwein austrinken, der in der Flasche übriggeblieben ist, und stellen Sie sich vor, Sie sind wieder in die Kirche eingetreten.“
 Zum Bild des im Wortsinne sichtbaren Trottels verhalfen in Tschechien überdies in beträchtlichem Maße die Schwejk-Illustrationen von Josef Lada. Illustrationen, aus denen zwar die Klauen der Ironie hervorragen, aber ein flüchtiger Blick gibt nur eine närrische Lustigkeit wieder. Und dabei ist Schwejk in seinem Wesen so tragisch! Wie zwecklos und zugleich notwendig ist sein „schwejkeln“. Aber kann man das auf Deutsch so überhaupt ausdrücken? Schwejkeln, Schwejkiade: die einzig angemessene Art des Protests gegen die Absurdität der Welt. Gegen die Absurdität, die wir nicht ohne stumpfe Erfüllung von Befehlen überleben können. Überleben und gleichzeitig zu verspotten.

Wenn Hašek im Schwejk etwas gelang einzufangen – dann die tiefgreifende Unsinnigkeit des Totalitarismus in ihrer abgrundtiefen Distanz zwischen Ideologie und Liebe, zwischen einer technisierten Lebenswahrnehmung und dem Leben ad hoc.  Auch Franz Kafka hat in seinen Texten das Gleiche beschrieben.  Beide schrieben mit einem erbarmungslosen Humor, der heute in den Clubs der weltbesten Standupcomedians bestehen könnte, wie eines Louis C.K. zum Beispiel. Beide schrieben mit Liebe zum Menschen. Es ist befremdlich, dass Schwejk meist als Trottel und Spaßvogel interpretiert wird und der Roman von dem berühmten Literaturwissenschaftler Václav Černý noch als minderwertiges Pendant zu humanistisch-pazifistischen Nachriegkswerken (Barbusse, Dorgoles, Duhamel, Zweig) wahrgenommen wurde, während Kafkas Held Gregor Samsa oft als rein tragischer Held interpretiert wird, obwohl nach überlieferten Zeugnissen Franz Kafka selbst oft beim Lautlesen der Verwandlung halblaut gelacht haben soll.

Warum schreibe ich in der Junikolumne über das alles? Weil die tschechische Schriftstellerin Irena Dousková nach Berlin kommt. Im Rahmen der Lesungsreihe České slovo/Tschechische WortSchätze stellt sie am 13. Juli ihren Roman über Jaroslav Hašek vor: Bärentanz (2014, Druhé město). Ein Buch über die letzten Monate Jaroslav Hašeks und die Menschen um ihn herum. Den Abend aus der Reihe biografischer Romane tschechischer Autoren veranstaltet wieder das Fachgebiet Westlawische Sprachen/das Lektorat für Tschechisch der Humboldt-Universität zu Berlin, und ich als Moderatorin lade Sie herzlich dazu sein. Nicht nur Irena Dousková wird kommen, mit der wir über Jarolav Hašek sprechen werden, sondern auch Nataša von Kopp, die ihren politischen Kurzfilm Schwejking über Schwejk und das tschechische Schwejkeln vorstellen wird.

Aber zurück zu Irena Douskovás Roman. Diese unauffällige, subtile, aber sehr genaue Darstellung der letzten Monate von Jaroslav Hašek schrieb die Autorin nach einem mehr als zehnjährigen Sammeln von Material und Mut. Wer eine mit Fakten beladene Beschreibung der Ereignise in Lipnice erwarten würde, in dem Jaroslav Hašek lebte, wäre enttäuscht. Was aber Irena Dousková hervorragend gelungen ist – man kann sogar sagen fast kongenial Schwejk gegenüber – ist die Aneinanderreihung oft unvollendeter Anekdoten aus einer stickigen, von Klaustrophobie durchsetzten Welt. Den anspielungsreichen Charakter des Buches, für den die tschechischen Rezensenten Dousková ein wenig zu pingelig kritisieren, ist meiner Meinung nach im Gegenteil die starke Besonderheit des Textes, die anspruchsvolle Arbeitsmethode einer unverwechselbaren Handschrift. Im Roman Bärentanz glänzt auch ein mysteriöser (fiktiver) Brief des jüdischen Gastwirts Bondy, der im Jahr 1922 an Hermann Kafka, den Vater von Franz, abgeschickt wurde…
Aber vor allem endet der Roman mit einem starken Bild aus der nahen Zukunft, in dem Bondy im Zweiten Weltkrieg zur Sammelstelle des Transports aufbricht und keiner kapiert, warum der alte Mann, der mit einem Koffer und hinter seinem Rücken von hasserfüllten Bemerkungen begleitet aus Lipnice fortgeht, so laut lacht… Dousková ist im Bärentanz tatsächlich ein bemerkenswerter Tanz gelungen, ein federleichter Danse Macabre: nebenbei beschreibt sie kurz die tschechisch-deutschen Beziehungen in der Tschechoslowakei des Jahres 1922, mit all der Dringlichkeit und dem noch nicht Ausgesprochenen des aufkeimenden Nationalismus. Schon damals waren die Beziehungen (zu der jüdischen Bevölkerung noch mehr) kompliziert und trotzdem hat man irgendwie nachbarschaftlich zusammengelebt (mit Ressentiments und Abneigung gegen die untergegangene k. u. k. Monarchie, mit Duckmäusertum und Unterwürfigkeit den Mächtigen gegenüber). Die tschechisch-deutsch-jüdischen Beziehungen zerbrachen definitiv erst in der extremen Tragik des Zweiten Weltkriegs in gegenseitigem atavistischen Hass.

Erlaubt mir eine intime Bemerkung. Melde gehorsamst, dass mich überrascht, wie ernsthaft ich hier über Schwejk schreibe, und wie viel Melancholie mir seine Lektüre bringt. Nur kann ich nicht anders. Nach Jahren, in denen ich um die Lektüre von Schwejk einen Bogen machte, verblödet durch die allgegenwärtigen Schwejkbilder von Josef Lada und überhaupt durch das Glattbügeln seiner Gestalt, lese ich den Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk im Weltkrieg aufs Neue, aufmerksamer. Und ich staune, wie viel Grausamkeit, Lachen und Schmerz in den einzelnen Anekdoten steckt. Und wie modern sie sind, wie in einer Serie abgestuft, und wie auch die Einzelheiten in sich stimmig sind: comicsartig, traumhaft lyrisch, grotesk… Ein Mikrokosmos politischer Monstrosität, Grausamkeit und Suche nach Menschlichkeit in Zeiten der Zerstörung.

Apropos. Gestern hat es in Berlin den ganzen Tag und die ganze Nacht über geregnet. Das Wasser schwoll auf den Straßen an und stieg sogar in Busse, und in Videoaufnahmen sah ich heute wie die Füße der Reisenden sich wie Schlangen über dem Boden wanden, damit die Schuhe nicht das Wasser berührten. Wie sind die Leute aber ausgestiegen, wenn sie nicht durch das Wasser gingen? Ja, eine alltägliche Berliner Apokalypse, aber eine kleine. Vielleicht hätten dazu noch Fische vom Himmel fallen können. Vielleicht hätten die Fische durch die städtischen Berliner Busse hindurschwimmen können. Das hätte Hašek sicherlich gefallen. Kafka auch, das ist klar… Seien wir aber froh, dass es keine Fische regnet. Seien wir froh, dass in B. vorerst Frieden herrscht, und der Krieg hier, wie überall sonst in Mitteleuropa, nur in seiner Cyberform fortlebt.

Liebe Freunde. Ich wünsche Euch einen angenehmen Juli, trockene Socken und Fisch auf den Tellern.

Vergessen Sie nicht, zur Autorenlesung mit Irena Dousková zu kommen!

Der letzte Tanz des Jaroslav Hašek, 13.07. 19:00, Universitätsgebäude am Hegelplatz/Dorotheenstr. 24, Raum 1.608 (Haus 1., 6. Etage)

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner