IX. Unaussprechlich fühlen, aussprechbar schreiben.

Unaussprechlich fühlen, aussprechbar schreiben. Während des Schreibens von der Notwendigkeit in Richtung Mitteilbarkeit gehen. Das ist höchstwahrscheinlich der unausgesprochene Wunsch von jedem, der mit dem Wort verkehrt. Und es ist egal, ob man das als Literat oder als Interpret literarischer Texte macht.

Ich denke, die Notwendigkeit zu schreiben und die abschließende Mitteilbarkeit ohne Verzicht auf Intellektualismus, kann buchstäblich bei der auf deutsch schreibenden tschechischen Autorin Libuše Moníková (1945-1998) gefunden werden. Ich erwähne sie scheinbar ohne Grund, da sie im Mai weder geboren noch gestorben ist. Aber dennoch schreibe ich über sie aus einer inneren Logik heraus.

Vor drei Wochen nämlich kamen Bohemistik-Studierende von der Universität Pardubice auf einen Friedhof im Berliner Schöneberg, auf dem Libuše Moníková ihr Grab hat. Vor Moníkovás Grab trug eine Studentin sogar ein Referat über das Buch Die Fassade vor. Es war ein sonderbares und aufregendes Gefühl. In der Schar junger Menschen neben dem Grab zu stehen, in dem Libuše Moníková liegt, und ihr Werk, ihr Leben auseinanderzunehmen. Zum Abschluss fragte die hervorragende Hungaristin und Bohemistin Marta Pató ihre Studierenden: „Hat euch dieser Text über die Fassade von Libuše Moníková dazu bewegt, in irgendwelche weiteren Bücher dieser Autorin reinzulesen?“ „Nein“, antworteten die offenen und freundlichen Studierenden einstimmig.

Ich kann nicht ausschließen, dass sich Libuše Moníková in diesem Moment im Grab umdrehte, oder zumindest am liebsten die verhassten (in ihrer Novelle Pavane für eine verstorbene Infantin oft verspotteten) Stricknadeln in die Hand genommen  und die eifrigen, fähigen Studierenden ein wenig mit spitzen Nadeln gepiekt hätte. Vielleicht sagte sie aus dem Grab einen Satz vom Typ: „Lest mich, damit ihr wisst, was euch erwartet, nach einigen Jahren werdet ihr so oder so arbeitslos sein, oder ausgebrannte Mitarbeiter in Call-Centern.“

Eins ist sicher. Die eigenartige Unerbittlichkeit Libuše Moníkovás Schreibens, ihr Stil unbändiger Kühle, Entfremdung, Lebensskepsis und auffressender Einsamkeit ist wirklich nicht für junge Leser, denen es eifrig in der Literatur nach dem attraktivsten Angebot dürstet. Und trotzdem ist Moníková – meiner Meinung nach – eine große mitteleuropäische Schriftstellerin, die noch nachträglich aufgenommen und wertgeschätzt wird, was allerding eher für den tschechischen als für den deutschen kulturellen Kontext gilt. (Übrigens – Moníková veröffentlichte auf Deutsch acht Bücher, war also viel bekannter in Deutschland als nach der Wende 1989 in Tschechien. Zum Teil angeblich, da sie ziemlich große Ansprüche an die Übersetzer ins Tschechische hatte. Aus dem Deutschen ins Tschechische sind so bisher nur vier Romane von Libuše Moníková übersetzt worden. Und wenn ich mich nicht täusche, hat bisher keiner zum Beispiel ihre Texte über Milena Jesenská übersetzt.) Moníková debütierte mit dem kurzen Roman Eine Schädigung, der Mitte der 70er Jahre geschrieben wurde und Jan Palach gewidmet war. Die Hauptfigur der Erzählung, die sich in der gespenstischen Umgebung einer anonymen Stadt eines ungenannten totalitären Staats abspielt, sich aber in vielerlei Hinsicht auf Prag bezieht, erlebt die Tage, nachdem sie von einem Polizisten vergewaltigt worden war und den Vergewaltiger in Notwehr umbrachte.

Ab dem zweiten Buch erscheint in den Texten der Autorin bereits ziemlich konkret mitteleuropäische, und vor allem tschechische Geschichte … Durch die reelle, animalische Absurdität der Handlungen kann man in ihrem Schreiben außerdem eine gewisse Verwandtschaft mit den ähnlich strengen (und besonders witzigen) Texten von Franz Kafka finden (von dem sie zudem eine große Verehrerin war). Aber trotzdem gibt es den einen grundlegenden Unterschied: Kafka war ein ängstlicher Freund des Lebens. Moníková ist in ihren Texten eine Verkünderin schwindender Kräfte und des Verfalls, der mit derartiger Klarsicht gesehen wird, dass es einen schier überwältigt. Vielleicht liegt darin die Tragfähigkeit und scheue Hoffnung von Moníkovás Texten, eine gewisse negativistisch verkehrte Neigung zum Leben? Man könnte diese monothematische Beharrlichkeit der Autorin in der Beschreibung von selbstdestruktiver Entfremdung in der Fremde als Narzismus des Autorenegos bezeichnen, ich betrachte das eher, zumindest in den letzten zwei Novellen von Libuše Moníková – und besonders in Verklärte Nacht – als einen Schritt zur inneren Freiheit und als dringliche Mitteleilbarkeit der gereiften Autorin. Als einen gewagten Schritt, nicht im Sinne einer Radikalität feministischen Schreibens der um eine Generation jüngeren Elfriede Jelinek, aber im Sinne eines schonungslosen Blicks auf das Leben, in dem wir öfter eher Käfer sind, verurteilt zu allmählichen Metamorphose, als von eigenem Willen beherrschte Subjekte mit rationaler Urteilskraft. Diese (selbst)verletzende Interpretation moderner Weiblichkeit ist auch bei einer weiteren Autorin zu finden, die Moníková mochte: bei Virginia Wolf. Schließlich erwähnt und thematisiert sie in der Novelle Pavane für eine verstorbene Infantin Virginia Wolf direkt.

Moníková ist eine außergewöhnliche Autorin. Nicht nur, weil sie ihre Bücher auf Deutsch schrieb, also in ihrer Nichtmuttersprache, und dieser Abstand führte sie vielleicht zum Stil einer minimalistischen „marmornen“ Kristallklarheit. Für sich selbst lehnte sie die Bezeichnung Exilautorin ab, oder die deutsche, ins Tschechische schier unübersetzbare Definition Migrationsliteratur-Autorin.

So viel zu Libuše M. und so viel zum Monat Mai. In der übernächsten Kolumne werde ich Euch mit einem Schluck neuer tschechischer Bücher von Autoren, auf deren neue Titel es sich lohnt, mit stiller Freude und unermüdlicher Neugier zu warten. So erschien nach acht Jahren der neue Roman Citlivý Člověk (dt. Ein sensibler Mensch) von Jáchym Topol, so veröffentlichte nach einem selten so erfolgreichen Debut die tschechische Prosaistin Ivana Myšková ein Erzählband. Auch die Schriftstellerin Anna Bolavá veröffentlichte, anknüpfend an den Stil der Vorherigen, neue Prosa.

Und auch in der zeitgenössischen tschechischen Lyrik gibt es einige Titel, die mir beim Lesen Freude bereiten und nur darauf warten, durchgelesen zu werden, und darauf, liebe potentielle Übersetzer-Bohemistikstudierende, dass sie vor Euch erwähnt werden.

Ich wünsche Euch ruhige Junitage,

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner