VIII. Über Sprachen und Zungen – Lob an Übersetzungen

 Es war Umberto Eco, der sagte: Die Sprache von Europa ist die Übersetzung/The language of Europe is translation. Dieser Satz ist auch in der heutigen Zeit von Bedeutung, in der man Übersetzen vielerorts als Anachronismus, ersetzt durch halsbrecherische Möglichkeiten automatischen Übersetzens sieht, von denen noch am lustigsten die Computer Funktion „google-translator“ ist.

■ Eco hatte Recht. Vielleicht ist qualitativ hochwertiges Übersetzen im immer instabileren Europa sogar wichtiger denn je. Wie sonst kann man sich verständigen, als durch die wohlklingende Fülle von Muttersprachen, in die die grundlegenden europäischen Romane und lyrischen Werke präzise übersetzt werden. Wie sonst kann man die Tiefe all der Originaltexte verstehen, als durch kongeniale Übersetzungen, die den Originaltexten mit Demut und Leidenschaft begegnen? Wir einigen uns, denke ich, darauf, dass Übersetzer mehr Magier als Wissenschaftler sind; allerdings Magier, die vom Prinzip her Wissenschaftler sein müssen.

Ein Paradox? Vielleicht. Aber im paradoxen Zugang zur Wirklichkeit wurzelt die Stärke guter Übersetzungen. Der Übersetzer ist ein unsichtbarer Mitautor, der mit seiner unerbittlichen Leidenschaft fürs Detail dem Leser einen Genuss bietet, dem sich der Leser (aus unvollständigen Kenntnissen der Originalsprache) offenkundig eher nicht angenähert hätte. Und ein wirklich guter Übersetzer – das ist auch der unersetzliche Kellner im Budapester Café Central, ohne dessen ritualisierte Kaffeevorbereitung wir nicht den wahren Geschmack ungarischen Kaffes (auf der Zunge) genießen könnten.

■ Hiermit jedoch bediene ich mich eines ins Deutsche nur schwer übersetzbaren tschechischen Wortspiels. Sprache und Zunge sind jazyk a jazyk. Der Teufel weiß, warum gerade im Tschechischen das Körperorgan, mit dem wir essen, auch die Sprache an sich definiert. Etwas so Vornehmes mit etwas so – sagen wir – äußerst Physiologischem … Aber vielleicht ist an der tschechischen Sprache (und der Mehrheit der slawischen Sprachen) wieder schön, dass die Muttersprache körperlich wahrgenommen wird, mit allen Poren der Geschmacksrezeptoren. Manchmal auch mit einem ungesunden, weißen Überzug. Ich schließe nicht aus, dass so eine schlaffe, pilzig belegte Zunge symptomatisch für unwahre, emotional getönte Texte (zum Beispiel auf populistisch-publizistischen Internetseiten) sein kann, oder krankhaft schlampige Übersetzungen aller Art.

Vielleicht sollten wir uns darüber freuen, dass die Sprache im Tschechischen nicht durch ein weit pathetischeres Wort wie Herz definiert ist (das würde die nationalistische Manipulation der Sprache erhöhen!) oder jedoch, dass die Sprache nicht z.B. mit Darm assoziiert wurde. Dann hätten wir statt tschechischer Sprache  tschechischen Blinddarm und man würde in tschechischem Blinddarm sprechen und schreiben, damit würden wir uns schon direkt auf der Ebene von Dada bewegen. Vielleicht hätte das auch die einfallslose Sprache tschechischer Behörden umfassend beeinflusst. Entschuldigung, irgendwie habe ich mich verzettelt, wahrscheinlich weil ich einen solchen Text niemals auf Deutsch sprechen (geschweige denn schreiben) könnte.

 Also zurück zur Übersetzerzunft, die ich hier so anpreise. Übersetzer, besonders die guten Übersetzer, sind wirklich Mediatoren und hervorragende Interpretatoren, und sie sind zeitgenössischen Autoren gesunde Spiegel und siamesische Zwillinge. Warum schreibe ich das alles? Weil ich gerne an einen der bedeutendsten tschechischen Übersetzer ins Deutsche aus dem zwanzigsten Jahrhundert erinnern möchte – an Ludvík Kundera. Seine brillanten Übersetzungen von Trakls Sammlung Sebastian im Traum riefen in mir zum ersten Mal die initialisierende Neugierde hervor, ins Original einzusteigen, das ich nicht verstand. Und das alles nur, damit ich den Verschiebungen in den Worten und dem Rhythmus gewahr werden konnte, damit ich diese geheimnisvolle Übertragung genießen konnte. Außerdem gewann Ludvík Kundera (übrigens der Cousin des weltbekannten Schriftstellers Milan) für die Sammlung von Trakls Lyrik Sebastian im Traum zusammen mit einer Auswahl aus dem Werk von Gottfried Benn, die unter dem Titel Básně (dt. Gedichte)erschien, und unter der Berücksichtigung seiner vielfältigen Übersetzerarbeit, im Oktober 1996 den Staatlichen Übersetzerpreis.

■ Und Ludvík Kundera gehörte zudem zu den engen Mitarbeitern um den deutschen Herausgeber und Bohemisten Eckhard Thiele. Dieser war einige Jahre für die Reihe Tschechische Bibliothek im Verlag DVA verantwortlich. Und diese außergewöhnliche Reihe, zu denen einige Anthologien tschechischer Literatur gehören (Adie Museu, Anthologie des Poetismus, oder Süß ist es zu leben) sollte jeder wirklich an der tschechischen Literatur und Übersetzung Interessierte kennenlernen. Übrigens erschienen im Rahmen der Reihe auch Bücher von Karel Čapek, Bohumil Hrabal, Vladislav Vančura oder Richard Weiner. Klassiker und Experimentierende, und zum Beispiel auch die Novelle Der unbekannte Mensch der heute ein wenig in Vergessenheit geratenen, aber hervorragenden Schriftstellerin Milada Součková.

■ Liebe Freunde, das wäre für diesen Monat alles. Hoffentlich noch ein letztes erfreuliches Postskriptum: Vor einigen Tagen kam ich von der internationalen Buchmesse in Budapest zurück. Als eine der ehemaligen Residenzautoren der Visegrader Gruppe hatte ich (als Schriftstellerin und Moderatorin) die Möglichkeit, für ein paar Tage in die internationale Blase intellektuellen Einverständnisses zu geraten. Die Organisatorin und bis letztes Jahr auch die Chefredakteurin der ungarischen Version des europäischen Literaturmagazins Lettre Internationalle – die herausragende Eva Karadi – organisierte Diskussionen, die einen starken Beigeschmack von politischer Gestik hatten. Das ganze Festival war eigentlich mit unaufhörlichen Wiederholungen der appellartigen Lesung der englischen und ungarischen Petition gegen die Auflösung der CEU in Budapest ziemlich suggestiv. Und in der Machtlosigkeit des Wortes auch hoffnungsvoll. Schließlich zog sich Viktor Orbán von seiner Absicht, die Mitteleuropäische Universität aufzulösen, zurück (ich mache mir keine Illusionen, dass das nur ein Verdienst der Petition war, aber sei es drum!). Die Sprache der Verständigung war in Budapest auf dem Internationalen Buchfestival – wie auch anders – Englisch. Zudem sagte Umberto Eco sein Zitat auf Englisch. Und trotzdem – trotzdem wurde in Budapest die Europäische- (beziehungsweise) Weltliteratur in seiner Art als eine einzigartige Gelegenheit tieferer Kommunikation zwischen den einzelnen Sprachen definiert.

Was wünscht man sich mehr. Vielleicht nur mehr gute Übersetzer und Übersetzungen…

 

DORA KAPRÁLOVÁ

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner