VII. Die Massen kämpften, wir schrieben

Sehr geehrte Freunde, liebe Bohemistinnen und Bohemisten,

In Tschechien wurden gerade die Nominierungen für den Literaturpreis Magnesia Litera 2017 bekanntgegeben, dem tschechischen Literaturpreis mit dem höchsten Prestige. Genauer gesagt geht es um den einzigen tschechischen Literaturpreis, der auch außerhalb des einheimischen Literaturbetriebs sichtbar ist. Der Preis unterteilt sich in sieben Hauptkategorien (Prosa, Lyrik, Publizistik, Sachbuch, Kinder- und Jugendbuch, Buchübersetzung, verlegerische Tätigkeit). Die achte, im Hauptstrom der Literaturauszeichnungen weniger auffallende und ausgezeichnete Kategorie, ist das Blog des Jahres.

Erfreulich fand ich, dass unter den Nominierten in dieser Nebenkategorie am Übergang von Literatur und Notizbuch auch die Zeitschrift für Kunst, Kritik und Leben Pasáže auftauchte. Dieses literatur-gesellschaftliche Blog des originellen, melischen Dichters, und unauffällig radikalen Denkers Jaroslav Erik Frič ist auf jeden Fall bemerkenswert. Schon allein Fričs nonkonforme Einstellung als Bürger. Und wenn wir schon bei Dichtern und ihren Blogs sind: den an zeitgenössischer tschechischer Lyrik Interessierten will ich schon lange gern den Webauftritt des Dichters und Journalisten Karel Škrabal empfehlen, der Nedělní chvilka poezie (Sonntäglicher Lyrikaugenblick) heißt. Die Bezeichnung lässt an die während des Sozialismus legendäre, lustige Sendung des tschechoslowakischen Normalisierungssfernsehens: „Nedělní chvilka poezie“ erinnern. Das Blog ist, ganz im Geiste seines ironischen Namens, ein eigenwilliger Punk in der zeitgenössichen tschechischen Lyrik. Karel Škrabal führt oft unverbrauchte dichterische Debütanten auf, aber zum Beispiel auch Dichtungen aus dem wieder augetauchten Lyrikheft aus dem Gefängnis Leopoldov von Jan Zahradníček (17. Januar 1905 – 7. Oktober 1960), einem herausragenden katholischen Dichter, der unter dem kommunistischen Regime inhaftiert worden war. Der sonntägliche Lyrikaugeblick ist kurz eine freie Plattform für alle gelegentlichen, peripheren oder radikalalternativen Liebhaber zeitgenössischer tschechischer Lyrik, die sich wahrscheinlich eher unregelmäßig Literaturzeitschriften  kaufen.

In der Kategorie Prosa ist für den diesjährigen Magnesia Litera auch die Novelle von Bianka Bellová Jezero (Der See) nominiert. Über diese Buch habe ich zwar schon im Oktober letzten Jahres geschrieben, aber trotzdem möchte ich es erneut erwähnen. Die Novelle wurde dieses Jahr nämlich zur Übersetzung für den internationalen Bohemeistik-Wettbewerb Susanna-Roth-Preis ausgewählt, was Euch – als Übersetzende – besonders interessieren und freuen dürfte. Mehr erfahrt hier. Und für die von Euch, die zeitgenössiche tschechische Literatur als ein spezifisches Inselchen mitteleuropäischer Kneipenbaflerei, Schwejkerei, wütender lyrischer Melancholie und lakonischer Ironie wahrnehmen, die wird wahrscheinlich die Neuerscheinung von Ladislav Šerý Nikdy nebylo líp (Nie war es besser) interessieren. Auch dieses Buch wurde nominiert. Aber über ewige „Schwejkerei“ und „Hrabalsches Bafeln“ in der tschechischen Literatur würde ich gerne nächstes Mal ausführlicher schreiben. Es ist nämlich ein merkwürdiges Phänomen, das – besonders in deutschen Diskussionen über tschechische Literatur – mit eiserner Regelmäßigkeit erscheint, wie ein Kernpfeiler der tschechischen Literatur. Meiner Meinung n ach ein Irrtum. Es geht um ein Klischee, das, denke ich, wieder und wieder zu überprüfen und zu widerlegen ist.

Der nächste markante Titel in der Kategorie Prosa ist die letzte (völlig „unkneipische“) Novelle von Marek Šindelka Únava materiálu („Materialmüdigkeit“). Eine Novelle über die physischen Dämonen zweier Flüchtlinge in der anonymen Landschafts Europas; im Paradies, das für zwei müde, schutzlose Migranten (ein Kind und ein Jugendlicher) die Hölle ist. Die manische Beschreibung ihrer physischen Müdigkeit und ihrer Verletzungen versucht wohl nicht einmal zu verdecken, dass es dem Autor hauptsächlich um die literarisch-ästhetische Seite der Geschichte geht. Über die detaillierte Beschreibung von verlorener Selbstkontrolle über die Leiblichkeit. Über das Erstaunen über die eigenen Körpergrenzen. Im Kontext der tschechischen Belletristik geht es hier um einen einmaligen Versuch, den Zustand eines physisch vollkommen erschöpften Menschen auf der Flucht zu beschreiben. Das aktuelle Thema der Migration berührt Šindelka eher nebensächlich, als wäre es zufällig. Ist das ein Plus, ein ästhetischer Mangel? Und haben wir überhaupt das Recht, Literatur von moralischen Gesichtspunkten aus zu beurteilen? Eine ewige Frage und ein ewiger Streit von Literaturwissenschaftlern und Lesenden.

Ganz anders bespricht die suggestive Prosa Mise Afghánistán („Mission Afghanistan“) des tschechischen Arztes ohne Grenzen und Autors Tomáš Šebek das gleiche Thema „phyisches Leiden“. Eine unübertreffliche stilistische Eleganz, aber in der Mitteilung ist eine ungewöhnliche Intensität. Šebek reiste als Arzt ohne Grenzen nach Afghanistan. Im Buch beschrieb er das animalische Verlangen, aufrecht zu leben, ohne ästhetisierten Minimalismus und jedwede Symbolik. „Unsere Füße stinken alle komplett gleich. Das ist eine Beobachtung von letzter Nacht auf dem Boden einer Flughafenhalle in Istanbul. Egal welcher Religion man angehört, oder ob man am Ende sogar ohne Glauben ist, sobald man sich auszieht, riechen die Füße gleich. Und ebenso brauchen wir alle Schlaf. Und manche schnarchen sogar! Das ist wirklich interessant, was wir alles so gemeinsam haben, wir Menschen.“ Tomáš Šebek war dieses Jahr einer aus einem Quartett tschechisch schreibenden Autoren Gast auf der vor kurzem abgeschlossenen Leizpiger Buchmesse. Erfreulich fand ich, dass außer ihm dieses Jahr auch die in London lebende tschechische Schriftstellerin Iva Pekárková eingeladen wurde. Auf Deutsch sind von ihr die Bücher Péra a perutě („Truck Stop Rainbows“) und Dej mi ty prachy („Gib mir die Kohle“) erschienen. Iva Pekárková schreibt in ihrem letzten Gedichtband Pruhovaná zebra („Das gestreifte Zebra“) darüber, was die Erlebnisse von tschechischen Frauen mit „Schwarzen Fremden aus Afrika“ bedeuten (und wovon man in einer „anständigen“ Gesellschaft tschechischer, postkommunistischer Kleinstädte oft eher heimlich munkelt, was man ahnt, kalkuliert). Am stärksten sind ihre Beobachtungen und Beschreibungen von witzigen, absurden und unkorrekten Missverständnissen. Mit scharfen Humor (fast hätte ich englischem geschrieben), aber auch mit der Weisheit einer Frau, die selbst eine jahrelange Migration hinter sich hat, und mit den Erfahrungen einer Migrantin,Taxifahrerin, und einer Frau vieler Berufe und Leben, gibt sie Einsicht in die Geschichten tschechischer Frauen und ihrer afrikanischen Männer. Mehr von solchen Pakárkovás in die tschechische Literatur, aber auch irgendeine in die tschechische Politik, möchte man naiv rufen!

Liebe Freunde. Während es in Tschechien mit der Hoffnung um die nominierten Titel braust, brummt und unkt, fahren wir für einen Moment in die verführerischen, schlammig mäandernden Gewässer, die den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie beschreiben. Warum? Der in jüdische Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) aus Österreich schrieb in seinen Erinnerungen als Emigrant in Brasilien, nur ein knappes Jahr vor seinem freiwilligen Abgang aus dem Leben (im Jahr 1942) über den Untergang der alten Ordnung der Monarchie: “Die Obsession mit der Kunst verhinderte, die anstehenden großen Veränderungen des politischen Klimas zu bemerken: die Entstehung von Massenbewegungen, Antisemitismus und der Eskalation ethnischer Konflikte, die später das Ende der österreichischen Monarchie herbeigeführt haben. Aber wir, die jungen Menschen, voll beschäftigt mit unseren literarischen Ambitionen, haben diese gefährlichen Veränderungen in unserer Heimat beinahe nicht mitbekommen… Die Massen kämpften, und wir schrieben Gedichte und diskutieren über sie.

Diese Worte widerlegt in diesem Jahr, 2017, die in der Türkei verfolgte Autorin Aslı Erdoğan, die der Star der diesjährigen Leipziger Buchmesse war. Persönlich erscheinen konnte sie nicht, die türkische Regierung ließ sie nicht. Der Platz auf dem berühmten blauen Sofa blieb leer, aber während der Liveschalte sagte Aslı Erdoğan dem Messepublikum, dass es doch beim Verfolgen der Nachrichten nicht die Hoffnung verlieren solle. Und vor allem betonte sie die Rolle der Literatur: „Das Schreiben, Lesen und Diskutieren betrachte ich als eine der vielversprechendsten Möglichkeiten, um das aktuelle politische Erdbeben zu überstehen.“

Wer weiß, was daraus am Ende wird, mit der tschechischen beziehungsweise europäischen (amerikanischen) Literatur, mit ihren Trends, Politisierungen, Ideologisierungen.

Denn über Dichter, über Literatur zu sprechen, hat bisher noch niemanden umgebracht. Oder vielleicht doch, ja, indirekt und schleichend, wenn wir die Erinnerungen von Stefan Zweig lesen.

Liebe Freunde,

mit einem Sprüchlein Euch einen schönen April: „Wenn der März zum April wird, so wird der April zum März. “

Lasst uns sein, lasst uns lesen und diskutieren, vielleicht auch über Gedichte und ihre Übersetzungen,

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner