VI. An Lichtmess, auf die Tradition!

Liebe Freunde, liebe Bohemistinnen und Bohemisten,

■ Der Februar neigt sich langsam dem Ende, aber nichtsdestotrotz: kennen Sie die alte Bauernweisheit „Zu Dreikönig um ein‘ Hirschensprung und an Lichtmess um ein‘ ganze Stund’“? Auf diese mathematische Weise beteten die Bauern den nahenden Frühling an, oder zumindest die Abnahme der Winterdunkelheit. Meine Brünner Freundin dichtete es in ihrer Pubertät in den folgenden Reim um: „Zu Dreikönig ist das Jahr schon aus und an Lichtmess geht’s in Irrenhaus“ und tatsächlich kam sie an diesem Tag, dem 2. Februar, für zwei Wochen in die Brünner Psychiatrie. Eine plötzliche jugendliche Panik. Aber wie wir wissen, entgehen nicht einmal große Personen Psychiatrien, wie zum Beispiel Ivan Blatný, über den ich hier im Herbst schrieb, oder die Journalistin und Schriftstellerin Milena Jesenská, der ich die letzte Kolumne gewidmet habe.

■ Apropos, im Verlag Torst kam das nach langen Peripetien erträumte, sehr ausführliche und umfangreiche Band von Milenas Texten Kreuzungen heraus. Es enthält mehr als vierhundert Artikel und Reportagen und stellt die bislang inhaltsreichste Auswahl aus Milenas Werk dar. Das Buch ist im gewissen Sinne revolutionär. Zumindest in dem Sinne, dass jemand, der das Ende der dreißiger Jahre (kurz bevor Milena Jesenská verhaftet wurde) als den einzigen Höhepunkt ihrer publizistischer Schaffenszeit sieht, von der erstaunlichen literarischen Qualität und Tiefe ihrer Texten aus den zwanziger Jahren überrascht und wahrscheinlich auch ergriffen sein wird. Besonders von denen, die sie aus dem gespenstisch armen und dekadenten Nachkriegswien nach dem Fall der Monarchie für die tschechische Zeitung Tribuna geschrieben hat. Dazu gehört u.a. auch die zeitlose, biografische Erzählung über Frau Kohler Meine Freundin, in der – außer einer selbstironischen Beschreibung Milenas Selbstmordversuchs – die Gesellschaft der Armen, desorientierten Intellektuellen in einem Land, das nicht mehr existiert, genial skizziert ist. Den aufmerksameren Lesenden kommt sogleich ein weiterer Name in den Sinn: Joseph Roth und seine Wiener Novellen, die den Verfall und die Irrungen beschreiben, die auch heute nach einhundert Jahren merkwürdig dringlich sind. Gründlich zu lesen lohnt sich auch die in der letzten Kolumne am Rande erwähnte und vor einem Monat erschienenen zweisprachigen tschechisch-deutschen Sammelband Milena Jesenská: Biografie, historie, vzpomínky / Biografie, Zeitgeschichte, Erinnerung. Von feministisch schlagkräftigen und zeitgenössisch eleganten Einsichten in Jesenskás Biographie kann es nie genug geben. So sind insbesondere die Beiträge von Lucyna Darowská oder Marta Marková. Und zum dritten: mit dem Schicksal von Milena Jesenská beschäftigt sich auch eine Neuerscheinung auf dem deutschen Buchmarkt, das biographische Buch von Alois Prinz Ein Lebendiges Feuer aus dem Verlag EMYS.

■ Carl Gustav Jung schrieb in seinem Roten Buch, dass „das größte kollektive Problem die Verdrängung der Toten ist. Ein Überhören der historischen Stimme. Ein Überhören dessen, was verschwunden ist. Die Tageswelt ist nämlich von dieser zweiten Welt durchdrungen; wir leben mit den Toten. Das Reich der Toten ist hier mit uns und daran ist nichts Widersprüchliches.“ Es klingt wie Spiritismus, ist aber eine pragmatische und nüchterne Überlegung. Mit etwas Übertreibung gilt es auch für die lebende Kontinuität der Literatur, und generell für alle Bildungsträger, die nicht mehr hier sind, und vor kurzem noch da waren, und die es fertigbrachten, diese Tradition weiterzutragen. Da kann uns nichts helfen, wir können uns zwar ein neues Genre ausdenken „zwischen Lyrik und Prosa“ (wie es letzter Woche meiner kreativen dreizehnjährigen Tochter gelang, die ein solches Werk intuitiv geschrieben hat und es damit für sich selbst vergnügt entdeckte). Es ist gut, dass wir unmittelbar darauf feststellen, wie auch meine Tochter, dass Lyrik in der Prosa schon eine Tradition in der Literaturgeschichte hat, und man daher an etwas anknüpft kann, auf das man sich mit Demut oder Provokation beziehen kann.

■ Einer dieser Gebildeten, der die Tradition grundlegender literarischer Texte weitergeben konnte, war auch mein Professor aus der Filmfakultät JAMU in Brünn, Antonín Přidal (1936 – 2017). Ein bravouröser Übersetzer aus dem Englischen, u.a. von Shakespeares Stücken, Isaac B. Singers Erzählungen, ein großer Literaturkenner, Dichter und Dramatiker. Die letzten fünfzehn Jahre habe ich ihn nur hier und da mal gesehen, meistens durch die Arbeit, als ich mit ihm für die tschechische Zeitung MF-DNES ein Profilinterview vorbereitete. Und weil er eine Persönlichkeit ist, die Ihr kennenlernen solltet (auch wenn er nicht aus dem Deutschen, sondern aus dem Englischen, Spanischen und Französischen übersetzte), überlasse ich Ihnen hier einen Verweis und noch eine kleine persönliche Erinnerung.

■ Als mir ein Redakteur der literarischen Monatszeitschrift Host, der Schriftsteller und frühere Student von Přidal, Jan Němec, vor zwei Wochen die Frage stellte: „womit hat Antonín Přidal Dein Leben bereichert?“ hat es mich kalt erwischt. Erinnerungen und Nachrufe aufzuschreiben erfordert Disziplin und man muss aufpassen, dass man nicht in einen geschmackslosen Gefühlsrausch verfällt. Und dass man nicht glorifiziert, sondern sich stattdessen freut – darüber, dass man die Möglichkeit einer Begegnung hatte. Das hier habe ich geschrieben, und habe währenddessen an Jung gedacht, an die Tradition und an das große Glück, sich zur rechten Zeit mit der Wirklichkeit zu treffen, die Sie – solange ihr noch dazu bereit seid neue Impressionen und Impulse aufzusaugen – verändern kann.

Die wesentlichen Bücher sollten einem Menschen in einem Alter begegnen, in dem er noch naiv und hungrig nach allem ist, was die Alltäglichkeit übersteigt. Nur fallen solche Bücher nicht vom Himmel, jemand muss sie entdecken und weitergeben. Für mich war so ein Vermittler Professor Přidal. Ein entfernter und doch gefühlt verwandter, mutiger Mann, für den ich mit 18 Jahren Respekt an der Grenze zu unverfrorener Angst empfand. Ich kannte ihn damals nicht. Aber die Buchtempfehlungen von ihm, vor denen habe ich mich nie gefürchtet. Auf die habe ich mich im Gegenteil mit einem immer größeren Vertrauen gefreut. Und die von ihm empfohlenen Bücher behüte ich bis heute wie einen Schatz. Zum Beispiel entdeckte er für mich den ganzen I.B. Singer. Er übermittelte mir die Minutenromane von Peter Altenberg, übergab mir das Herzensbuch Ein guter Mensch ist schwer zu finden von Flannery O Connor, empfahl mit Bücher und Stücke von Dylan Thomas… Ohne alle diese Bücher und Stücke (es waren noch viele mehr, zum Beispiel Günter Eichs Sabeth) kann ich mich nicht zu einem anderen Ort bewegen. Ich kann woanders bleiben, es stört mich nicht umzuziehen, aber diese Bücher, physisch oder zumindest in Gedanken, reisen mit. Und so reist eigentlich auch Professor Přidal mit mir mit. Er reist zum Beispiel mit Gimpel dem Narren (so war er mit mir vor kurzem in Budapest). Und vorletztes Jahr, als im Verlag Argo die bittere Novelle Debora von Singers ältester Schwester Esther Kreitmann erschien, fragte ich mich selbst, aber im Innern eher Prof. Přidal: „So, was sagen Sie dazu? Gut, nicht?“ Erst einige Zeit nach dem Studium begann ich nach den eigenen und hervorragenden Gedichten und Stücken von Přidal zu suchen, nach weiteren Übersetzungen, nach anderen versteckten Spuren, vielleicht auch den bürgerlichen, selten unangepassten.

Es gibt viele von Ihnen, und sie sind tief.  

Aber für mich persönlich war er einer der wenigen und seltenen Übermittler von Büchern, in denen man sich wie Zuhause fühle… Aber wie sonst kann man in die Ewigkeit eintreten, als für dealerische Verdienste im Verbreiten guter Unsitten? Professor Antonín Přidal sitzt seit dem 7. Februar in der Himmelsausgabe der literarischen Sendung Club Netopýr, Angesicht zu Angesicht mit den Helden Singers Erzählungen über Seelen wundert er sich über die Absurditäten, die nicht mit dem Tod enden und lächelt aus ferner Nähe. Lächelt cool. Lächelt wie ein Dealer. Für all das danke ich ihm heute in aller Stille und Trauer.

Und ich danke Euch, dass ihr die traurige Februarkolumne – auch wenn schon langsam der Frühling kommt – bis zum Ende gelesen habt.

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner