V. In 70 Minuten über Milena Jesenská

Liebe Freunde, die Januarkolumne über tschechische Literatur könnte auf so manche Art beginnen. Zum Beispiel bilanzierend. Mit der Erwähnung, welches Buch auf den ersten Platz in der Umfrage der Tageszeitung Lidové noviny für das letzte Jahr geschafft hat. (Für die Neugierigen: es handelte sich um neuen Roman des südböhmischen Autors Jiří Hájíček, Dešťová hůl „Regenmacher“.) Oder sie könnte amtlich beginnen, mit einem anerkennenden Kopfnicken über die lang erwartete Entstehung eines tschechischen Literaturzentrums. Die Entstehung des Zentrums ist trotz der Streitigkeiten hinter den Kulissen ein Gewinn für ausländische Bohemisten. Es verspricht – unter anderem – eine würdige Einrichtung für ausländische Übersetzer in Prag zu sein.

So viel zum offiziellen Teil der Kolumne; gerade die Amtsausübung ist an und für sich etwas mystisches, und die Menschen in den Ämtern zeichnen sich durch große Tüchtigkeit aus. Diesen Gedanken sprach ein gewisser Versicherungsbeamter und Doktor des Rechts Franz bereits im Jahre 1920 in einem Liebesbrief aus. Und jetzt erlauben Sie mir bitte eine etwas alberne Genderungenauigkeit: wer war der schreibende Beamte Franz? Eine Muse. Genauer gesagt – die Muse der größten tschechischen Journalistin des zwanzigsten Jahrhunderts, Milena Jesenská (1886-1944). Ihre an Franz adressierten Briefe existieren nicht mehr, da Milena sie nach seinem Tod zerstörte. Dank der Obhut von Willi Haas, Staša Jílovská und Ernst Polak sind jedoch die Briefe von Franz an Milena erhalten. Und so entstand das legendäre Buch Dopisy Mileně „Briefe an Milena“. Ein Buch, das im Jahre 1952 in Westeuropa zu einer literarischen Sensation wurde, da es sich um eine Liebeskorrespondenz des berühmten Franz Kafka an eine „gewisse Milena“ handelte. Dieser Einstieg in die Welt der großen Literatur gab jener „gewissen Milena“ eine etwas ambivalente Position. Sie wurde – auch von Willi Haas verursacht – für viele Jahre lediglich auf eine Art von „Muse“ des literarischen Genies reduziert, im sozialistischen Block wurde sie dann aus Prinzip verschwiegen, weil sie sich in ihren Texten aus den späten Dreißigerjahren, als geheilte Kommunistin, deutlich, verständlich und mit einem unglaublichen Mut zu der politischen Situation in der Vorkriegstschechoslowakei äußerste.

■ Einige von Milenas ins Deutsche übersetzte Texte erschienen in der deutschen Ausgabe das erste Mal 1984 unter dem Titel Alles ist Leben im Verlag Neue Kritik. Auf Tschechisch wurden ihre letzten, wesentlichen Reportagen aus den späten Dreißigerjahren unter dem Namen Nad naše síly „Über unsere Kräfte“ vom Verlag Votobie 1997 herausgegeben. Die vollständige Ausgabe aller Texte Milena Jesenskás wird unter dem Titel Křižovatky „Kreuzungen“ diese Tage im Verlag Torst vorbereitet. Und das ist schon ein Grund, ordentlich zu feiern.

■ Milenas Texte prägten zweifellos bedeutende und unauslöschliche Spuren in den europäischen Journalismus. Im Kontext des Gesamtwerks von Milena Jesenská bleibt die Tatsache, dass sie in ihrer Jugend Adressatin von F. Kafkas Liebesbriefen und erste Übersetzerin seiner Texte ins Tschechische war, nur eine kurze Lebensepisode. Aktueller denn je sind heute hingegen ihre Reportagen, geschrieben von den späten Dreißigerjahren bis zu ihrer Verhaftung. Nach der Okkupation der Reste Böhmens und Mährens nahm Milena Jesenská aktiv am antifaschistischen Widerstand teil und half bei der Flucht einer Reihe jüdischer Familien, und darüber hinaus Dutzenden deutschen politischen Emigranten. Im November 1939 wurde sie für ihre antifaschistischen Aktivitäten verhaftet. Im darauffolgenden Jahr wurde sie ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie in der Krankenstation arbeitete und ein moralische Unterstützung für die anderen Gefangenen war. In Ravensbrück traf sie auch die deutsche Journalistin Margarete Buber-Neumann, die über sie ein Buch schrieb, das in Deutschland veröffentlich wurde. Erst später erschien es auch auf Tschechisch. Milena Jesenská starb 1944 in Ravensbrück an Nierenversagen.

Heute die Artikel von Milena Jesenská zu lesen, bedeutet, über die Intimität und gegenwärtige Präzision ihrer Wahrnehmungen zu staunen. Und das, obwohl sie sich selbst als keine große Schriftstellerin betrachtete. Sie schrieb mit einer rationalen, gleichzeitig gefühlvollen, vollkommen durchdringenden, bildhaften und poetisch präzisen Sprache, und das schon im Jahre 1920. „Die Überreste der Wiener Wahlen fliegen zusammen mit den trockenen Blättern und einer wilden Wut von Gehsteig zu Gehsteig“ (5.11.1920, Tribuna). Die Interpretationen von Milena Jesenskás Werk wachsen in letzter Zeit erfreulich an. Vorletztes Jahr zum Beispiel wurde vom jungen Theaterensemble Studio hrdinů „Das Studio der Helden“ unter der Regie von Kamila Polívková das Stück Mileniny recepty „Milenas Rezepte“ einstudiert, der italienische Bohemist Matteo Colombi schrieb und studierte ein Monodrama über das Leben von Milena und ihre Tochter ein: In den Arsch heute nicht, in Prag erscheint die tschechisch-deutsche Anthologie über Milena Jesenská aus der Sicht von Publizisten, Historikern, Literaturwissenschaftler und Politologen, mehr hier.

Milena Jesenská schrieb einmal, dass all ihre Texte Liebesbriefe sind. Natürlich kann man ihnen keine Intimität absprechen, aber die persönliche Haftung unterlag nie subjektiven Emotionen. Es scheint, als gelänge es Jesenská für jedes Detail, für jedwede beschriebene soziale Ungerechtigkeit, einen lebendigen Menschen zu finden, an dessen konkreten Schicksal der Hilflosigkeit sie die Schwachstellen der soziopolitischen Situation der Gesellschaft definierte. Wenn heute jemand ihre Reportage über den menschenleeren Kurort Karlsbad liest, wo in den späten Dreißigerjahren die jüdischen Gäste ausblieben, oder den Text über deutsche und jüdische Migranten in der Vorkriegstschechoslowakei, liest man Geschichten, deren Kulissen uns erschreckend vertraut sind.

Liebe Freunde, die Sätze über Milena J. entlaufen mir wie muntere Ameisen und sie würden am liebsten in komplexen Satzgefügen weiterlaufen, reich an Zitaten aus Milenas Texten. Höchstes Zeit sich wieder zu beherrschen.
Schließlich soll das hier ja kein Essay über das Werk von Milena Jesenská sein, sondern eine Kolumne, die auf eine kommende Veranstaltung über Milena Jesenskás Werk hinweisen soll. Der Einladung zur nächsten Autorenlesung unserer Reihe České slovo/Tschechische Wortschätze ist die tschechisch-deutsche Schriftstellerin, Frau Alena Wagnerová gefolgt, die Autorin einer Biografie von Milena Jesenská. Der zweisprachige Abend wird mit meiner Moderation wieder unter der Schirmherrschaft des Fachgebiets Westslawische Sprachen/Lektorat für Tschechisch der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltet; und freuen darf man sich nicht nur auf des Gespräch mit der Schriftstellerin Alena Wagnerová, auf unbekannte Texte Milena Jesenskás, sondern auch auf eine kleine Überraschung in Gestalt von Videoauschnitten aus Dokumentationen über Milena Jesenská und aus dem schon erwähnten Monodrama des italienischen Bohemisten Matteo Colombi.

Milenas Freundin, ihre Mitgefangene in Ravensbrück, Margarete Buber-Neumann schrieb kurz nach Milenas Tod dem Vater von Milena: „Milena war sich der Tragik unserer Generation bewusst, weil sie denken konnte. Sie wollte darüber schreiben, wollte davor warnen, was kommt, sie hatte schon viele Jahre geahnt, dass sie nie wieder die Freiheit sehen, dass sie nie zurückkehren würde. Wie oft sagte sie: Ich muss ein Buch schreiben, ich muss irgendetwas für die Ewigkeit schaffen. Mit ihrem Leben hat Milena die Ewigkeit erreicht.“ Dem kann man sich nur anschließen. Durch ihre Texte sowie ihr kompliziertes persönliches Leben ist sie immer präsent. In der gestrigen Mail schrieb mir Alena Wagnerová: „Ich denke, ich werde den ersten Brief aus Dresden lesen, dann ein Kassiber, und den letzten Brief aus Ravensbrück, und vielleicht nicht alle Texte ganz, und Du solltest wahrscheinlich auch nicht alle Artikel ganz lesen, sonst passt das nicht in die 70 Minuten.“ Klar. Das Werk von Milena Jesenská kann man in 70 Minuten tatsächlich nicht vorstellen. Ihnen einen Vorgeschmack geben und sie bekanntmachen mit dem Vermächtnis der Milena Jesenská sicherlich schon.

Sehr geehrte Bohemistikstudierende, liebe Freunde, wir freuen uns auf Sie am 31. Januar, um 19:30 im Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, Raum 2249a.
Und bevor ich es vergesse, ich wünsche Ihnen schöne, helle, frostige Tage voller Schnee!

Dora Kaprálová

 

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner