IV. Wer es mit der tschechischen Lyrik ernst meint

Schuld daran ist vielleicht November/Mit roten Pferden an seinen Rändern/lässt er uns erwarten, dass sich was ändere/dabei tut sich nichts von Vernunft/Außer Merkwürdigkeiten wie die Wahl von Trump/Anzeichen einer gar unrosigen Zukunft … Lassen Sie mich mit diesem nicht sehr geistreich engagierten Reim die späte Novemberkolumne eröffnen, in der ich mich dieses Mal auf zeitgenössische tschechische Lyrik konzentrieren werde.

Warum? Die zeitgenössische tschechische Lyrik wird – anders als Prosa – aus dem Tschechischen heute kaum in andere Sprachen übersetzt, und wenn, dann nicht herausgegeben. Das bestätigten mir auch zwei renommierte Literaturagenten, die sich die letzten zehn Jahre mit zeitgenössischer tschechischer Literatur beschäftigt haben. Trotzdem gibt es auch für hiesige (tschechische) Lyrik Möglichkeiten, wie sie auf den europäischen Markt, oder bescheidener gesagt – ins tschechisch-deutsche Bewusstsein gelangen kann. So zum Beispiel durch den Dresdner Lyrikpreis. Er wird alle zwei Jahre an tschechische, deutsche, österreichische, schweizerische und liechtensteinische Schriftsteller vergeben und soll zum gegenseitigen Kulturaustausch zwischen der deutschsprachigen Welt und der Tschechischen Republik beitragen. Beitragen, obwohl man über die nominierten, ja sogar über die Siegergedichte kaum etwas erfahren kann. Auch fehlen detaillierte Links zu den nominierten Texten.
Den angesehenen Dichterpreis erhielt dieses Jahr aus acht nominierten Finalisten die in Prag lebende Dichterin und Kritikerin Simona Racková (1976) für zehn Gedichte aus dem Gedichtband Tance „Tänze“ (2015). Und weil das wirklich schöne Verse sind, lassen sie sie mich hier einfügen, und das auch mit der deutschen Übersetzung von Anne Hultsch 

Fandango

Štika, ač chycena
stále udává tempo

Tah, zásek, škubnutí – můj boj
s trojháčkem v útrobách

Přesto však nevím nic o rybí bolesti
bez řeči, která mate

Matné jsou šupiny
ocasní ploutev, skřele –

to všechno nyní můžeš pozorovat
chlubit se úlovkem; čekal jsi na něj dlouho

Teď jako trofej v bazénku
bílé balonky k propíchnutí

S rozmyslem vést podélný řez
pak prsty v rybím břiše
Ovládnout umění zabít v sobě dravce:
klackem, nožem či o schod

Zítra po něm zas pošlapou výletníci.
V bazénku mlčky vymění se voda.

Fandango

Der Hecht, obgleich gefasst
gibt immer noch das Tempo an

Zug, Hieb, Ruck – mein Gefecht
mit dem Dreierhaken im Eingeweide

Dennoch weiß ich nichts über den Fischschmerz
ohne Rede, die abstumpft

Stumpf sind die Schuppen
die Schwanzflosse, der Kiemendeckel –

das kannst du nun alles beobachten
dich des Fanges rühmen; lang hast du auf ihn gewartet

Jetzt als Trophäe im Bassin
weiße Ballons zum Zerstechen

Mit Besonnenheit den Längsschnitt führen
dann die Finger im Fischbauch
Die Kunst beherrschen, in sich das Raubtier zu töten:
mit einem Knüppel, Messer oder an einer Stufe

Morgen trampeln über sie wieder Ausflügler.
Im Bassin wird schweigend das Wasser gewechselt.

Der Dichterwettstreit fand das elfte Mal in Dresden statt. Rein interessehalber: in der Vergangenheit wurde dort Viola Fischerová (1935-2010) ausgezeichnet, die Grande Dame der tschechischen Lyrik. Ein andere Preistträger aus dem Jahr 1998 ist der tschechische Dichter Petr Hruška. Die Verse von Petr Hruška sind bis auf den Kern der Kommunikation getrimmt, als ob Hruška seine Worte mit gedrängtem Schlund aus dem industriellen Nordens von Ostrava abnagen würde. Hier eine kleine Kostprobe. Übrigens: eins von Hruškas Gedichtbänden ist unter dem Namen Jarek anrufen (Edition Toni Pongratz, Hauzenberg 2008) auch auf dem deutschen Markt erschienen, in der kongenialen deutschen Übersetzung von Rainer Kunze, einem hervorragenden deutschen Schriftsteller und Übersetzter des tschechischen Dichters Jan Skácel (1922-1989).
Und zu guter Letzt noch zum Dresdner Preis. In der Nominierung aus dem Jahr 2014, das heißt im vorigen Jahr, kam die junge tschechische Dichterin mit ukrainischen Wurzeln Marie Iljašenko zum Vorschein. Iljašenko veröffentlichte im selben Jahr eins der markantesten dichterischen Debuts der letzten Jahre, Osip zielt nach Süden. Ihre Verse sind nicht zu übersehen: genau, spotan, musisch, intim sowie unpersönlich. Und dazu noch unengagiert. Oder anders: ihre einzigen Engagements bestehen darin, dass sie allein und für sich selbst lyrisch sind … Den Gedichtband Osip zielt nach Süden verschlang ich vorletztes Jahr in Budapest in einem Atemzug; ich konsumierte ihn in der Trance falschen Reisefiebers (es sind tatsächlich Reisegedichte), im Sessel im Zimmer, unbeweglich. Da es komplett ausreichte, wie mich diese Gedichte bewegten …! Und weil es schade wäre, über Lyrik zu sprechen und sie Ihnen dann vorzuenthalten, füge ich ein Gedicht aus dem erwähnten Band hinzu, und das ebenfalls mit einer deutschen Übersetzung von Anna Seidl:

Makalu

Jsem jako šálek čaje.
Křehká bílá schránka, hořká chuť.
To je jako: nemít své ruce v rukou.
To je jako: být v moci trojhlavého boha.

Láska, říkáš. Makalu, říkám.
Pod ní jsou plantáže černého čaje.
Pod ní je základní tábor,
ve kterém bych měla být.

Ale léto letos nebylo.
A proto ani zima nepřijde.
Černé uhlí ve sklepích spí
a za bílého dne sny se mu zdají.

Makalu

Ich bin wie eine Tasse Tee.
Zerbrechlicher weißer Behälter, bitteres Empfinden.
Das ist wie: die eigene Hand nicht in der Hand haben.
Das ist wie: in der Gewalt des dreiköpfigen Gottes zu sein.

Liebe, sagst du. Makalu, sage ich.
Unter ihm sind Schwarzteeplantagen.
Unter ihm ist ein Basislager,
In welchem ich sein sollte.

Aber in diesem Jahr gab es keinen Sommer.
Und deshalb wird kein Winter kommen.
Schwarz schläft die Kohle in den Kellerräumen
Und erscheint ihr in weißen Tagträumen.

Wer es ist mit der tschechischen Lyrik tatsächlich ernst meint, sollte die jährlich herausgegebene Anthologie Nejlepší české básně „Die besten tschechischen Gedichte“ des Verlags Host nicht verpassen. Diesmal erscheint sie aus den Händen der Herausgeber-Dichter Vít Slíva und Jakub Chrobák. Die Anthologie, dieses Jahr schon die achte in Folge, stellt etwa vier Dutzend Gedichte vor, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, etwa wie eine Dichterzeitung tschechisch schreibender Autoren; und die Aufmerksamkeit wird Publikationen in Buchform, in Zeitschriften, aber auch Veröffentlichungen im Internet gewidmet.

Die noch Neugierigeren von Ihnen würde ich gerne auf das neue Webmagazin Ravt des Literaturwochenmagazins Tvar aufmerksam machen. Beim Schreiben von Kolumnen oder eher Essays über die Literatur wechseln sich dort der Kritiker Roman Kanda und die Dichterin und Kritikerin Olga Stehlíková ab. Und gerade in die letzte Ausgabe vom Ravt hat Stehlíková ein ziemlich grundlegendes Essay darüber geschrieben, welche Gefahren auf Dichter engagierte Lyrik lauern. Die Lektüre ist heiter, polemisch und vor allem clever. Mehr hier. Ich glaube nämlich, dass jeder Hass, selbst der hinterhältigste auf Liebe basiert, und für Lyrik gilt das ohne Einspruch. Vor einiger Zeit habe ich zwei Jahre lang eine wöchentliche Kolumne über neue tschechische Gedichtbände geschrieben, für damals eine noch solide landesweite Zeitung, die heute nur noch anspruchsvollere Boulevardzeitungen ist, in der sich Dichtung nur noch unfreiwillig findet – in Form von absurd anrüchigen Titeln müden Artikel.

■ Und doch sehne ich mich heute unerwartet nach dem regelmäßigen Schreiben dieser Kolumnen. Nicht nach dem Schreiben an sich, sondern nach dem Austausch mit Lyrik in den seltenen Momenten, wenn sich das Lesen von Lyrik und das Nachdenken darüber nicht auf die inneren analytischen Triebe Ergreifen, Aufnehmen, Verwerfen automatisiert. Deswegen wird wahrscheinlich geschrieben, deswegen wird übersetzt… Die Kolumne über Lyrik beende ich deswegen frech mit einem eigenen Text über Lyrik, geschrieben als Antwort auf eine Umfrage, was schlechte Lyrik sei (für die Zeitschrift Rozrazil).

Also, was ist schlechte Lyrik?

Schlechte Lyrik ist wie eine treue Ehefrau, ein strebsamer Plakatier, ein Sportlehrer mit pädophilen Neigungen. Gute Lyrik muss nämlich eine Hure sein, Verwirrung, Faulheit, eben das alles, was kristallklar ist, vom Leben getrennt und trotzdem lebendig, mehr als nur das Leben: die Ehefrau, der Plakatier, der Sportlehrer usw…
Gute Lyrik ist eine unbefestigte Straße in einer Kurve, ist farbiger und moderater als das Leben selbst, und heftiger als das Leben. Schlechte Lyrik ist dichterisch viel zu engagiert. Und agitierend, das ist schon purer Ekel.
Wenn jedoch Dichtung auf den ersten Blick edel ist, man von ihr gähnen beziehungsweise lachen muss, ist das auch nicht schön, meine ich.
Die langweiligste Lyrik schreiben meistens übergute Menschen, die regelmäßig arme Kinder im Sudan unterstützen. Oder aber diejenigen, die, der wehmütigen Dynamik der Lyrik wegen, die lustige Absurdität des Lebens vergessen, schreiben auch schlechte Lyrik. Auch die Anekdote ist schlechte Lyrik, Pointen meistens auch, stille Leerstelle, und gebundene und nicht gebundene Verse schreien manchmal mit einer gewollten Rhythmik wie irgendein affektierter Schimpanse. Kurz: schlechte Lyrik ist überall um uns herum, lauert hinter jeder Ecke eines Literaturmagazins, Buchs, Hauses. Zum Glück ist es in wunderbaren Momenten hier und da möglich, gute Lyrik zu lesen, oder sie zu erblicken (das noch lieber) und in Würde über sie zu schweigen. Denn nur das, was nicht auszusprechen und zu vermitteln ist, nur das Geheimnisvolle, Unverschämte, Ungezügelte, in der Flüchtigkeit vergangener Momente; nur das ist Nüchternheit und daher gute Lyrik.

Dass Lyrik in historischen Augenblicken doch nur gleich der Prosa ist, gar über die Prosa herausragt wie ein edles Gebet, ist nicht nötig zu beweisen. Es reicht, gerade jetzt im Advent, die deutschen Gedichte von Paul Celan zu lesen, es reicht, einfach irgendein gutes Gedicht zu lesen.

Liebe Freunde, Bohemistikstudierende, ich wünsche Ihnen einen friedlichen und festlichen ersten, zweiten, dritten und sogar einen endlosen Advent, der – und das glauben sie mir – eines Tages trotz der scheinbaren Endlosigkeit des Dezemberstresses doch noch endet.

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner