III. Blatný und Halloween

Blätter in den Parks harken, welch eine beruhigende Arbeit. Hierhin und dorthin gehen und sich langsam zurückbewegen, / wie sich die Zeit zurückbewegt, wie sich die Weite zurückbewegt, / Nostalgisch, wie Marken auf Briefumschlägen. // Ich habe einen Brief gefunden, nur mit Bleistift geschrieben, / Vom Regen ausgelöscht, halb zerrissen. // O, Zeit der Briefe, wo bist Du, wo bist Du? / Wie Rilke haben ich lange Briefe geschrieben; / jetzt schweige ich, adieu, der Herbst ist gekommen. /Rote Pferde verschwinden aus dem Tor. (Herbst, Alte Wohnsitze, Ivan Blatný)

■ Brünn ist eine Metropole der Dichter. Berlin eine Metropole der Melancholie. Und Oktober ist ein Monat, der diese beiden Städte magisch verbindet. Wodurch?

Zum Beispiel durch das Gedicht Herbst des melancholischen Dichters Ivan Blatný (1919-1990). Einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts, dabei schrieb der in Brünn geborene Ivan Blatný dieses Gedicht weder in Brünn noch in Berlin, sondern in England. Konkret hintern den Mauern der psychiatrischen Einrichtung St. Clements Hospital im Jahr 1979. Zusammen mit anderen Stücken erklingt das Gedicht Herbst mit einer Aufnahme der Stimme Ivan Blatnýs am 31. Oktober in der Berliner Galerie Zwitschermaschine in der Potsdamer Str. 161.

Ich denke, es ist bezeichnend und schön, dass es so, gerade an Halloween, in Berlin zu einem Volksfest zur Feier der Kürbisgeister kommt. Auch Ivan Blatný lebte in einer Zeit des Grauens. Eines politischen, der Verbannung und zuletzt auch geistigen. Sein Schicksal war tragisch und dennoch einigermaßen glücklich, denn Blatný verlor nie sein Wort, sein dichterisches Wort. Durch das zufällige Zusammenspiel einiger glücklicher Umstände und Treffen mit der englischen Krankenschwester Frances Meacham, wurde ihm ein solches Leben im Rahmen der Möglichkeiten (hinter den Mauern einer englischen Irrenanstalt) bis zum Ende seines Lebens würdevoll ermöglicht. Sozial, oder auch Menschlich, da Ivan Blatný nicht verrückt war, sondern ein Dichter im Exil mit einer zerbrechlichen geistigen Gesundheit. Wäre so etwas heute vorstellbar? Wie viele Ivan Blatnýs streifen heute hinter den Mauern von Irrenhäusern umher? Einer, zwei?
Lassen wir das Fantasieren…

■ Der Name Ivan Blatný war in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Tschechoslowakei ein Begriff. Nach dem Jahr 1948 musste er auf immer vergessen werden, da der Dichter von einer Stipendienreise nach London nicht mehr zurückkehrte und stattdessen in einer öffentlichen Radioansprache im BBC über die Unfreiheit in der postrevolutionären Tschechoslowakei sprach. Mehr möchte ich aber nicht verraten, denn dazu kommt ein ganz besonderer Gast aus Brünn nach Berlin: der renommierte tschechische Schriftsteller und Herausgeber Martin Rainer; Autor des umfangreichen wie brillanten Romans über Ivan Blatný, der den Namen der Dichter trägt.

Marin Reiner schrieb an seinem Roman über Ivan Blatný dreißig Jahre. Und das merkt man. Ungeahnte Zusammenhänge, tiefe Einblicke, die Ehrbietung des Autors, Leidenschaft und für den Leser dann und wann erschütternd, trotzdem keine billige Mitteilsamkeit. Nach der kurzen tschechischdeutschen Lesung ist eine moderierte Diskussion mit Martin Reiner vorbereitet.

Also kommen Sie, trotz der Kinderschrecks aus Kürbissen, oder vielleicht gerade wegen ihnen. Für alle Interessenten an dem zweisprachigen Zyklus České slovo/Tschechische WortSchätze, einem Zyklus für alle Liebhaber der tschechischen Sprache und Poesie.

■ Und nun etwas zur Erleichterung: Der japanische Bohemist Kenichi Abe meint: „Die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts ist Prag. So viele Umstürze und historische Ereignisse. Jeder Umbruch bringt eine neue historische Meinung mit. Das ist in Tschechien mehrmals passiert. Ihr hattet so viele Umbrüche, in Folge derer ihr euch einen Abstand zur Geschichte geschaffen habt.“

Abstand von der Geschichte, also ich weiß ja nicht; der Dalai-Lama zum Beispiel besuchte in diesen Tagen Prag, und während in zivilisierten europäischen Ländern sein Besuch von kennzeichnender Korrektheit, Diskretion und Würde getragen wird, traten in Prag Horden von Populisten auf, gestützt von Inakzeptanz gegenüber des Dalai-Lamas von Seiten der tschechischen Politelite. Die Angst der tschechischen Politiker vor einem Einsturz des Handels mit China? Knechtschaft gegenüber chinesischer Politiker? Lächerlich, vor Allem, weil China weiß, dass der Dalai Lama es nicht bedroht.

Dann lieber wieder zurück zur tschechischen Literatur. Die im Gegensatz zur politischen Ethik nicht stirbt, auch wenn das bisweilen von einem Teil der tschechischen Literaturkritik gesehen wird – und wenn sie schon stirbt, dann – hoffen wir zumindest – nur nach und nach.

■ Von interessanten Buchneuerscheinungen würde ich euch gerne auf die erst vor kurzem herausgegebene Novelle Jezero (Der See) von Bianca Bellová hinweisen. Wer Rohheit und düstere Geschichten mag, der sollte diese Bemerkenswerte Novelle über die apokalyptische Vision eines Mikrokosmos nicht verpassen. Sie ist unsentimental, vielleicht etwas hart aber in vielerlei Hinsicht auf den Punkt. Und auch fragmentarisch abgehakt, keinerlei Verbissenheit eines unermesslichen Erzählegos. Eine Herausforderung für Übersetzer und gewissermaßen auch das Gegenteil, könnte die manische Erzählung des zuletzt mit einem Preis ausgezeichnete (und im Rahmen des Susanna Roth-Übersetzterwettbewerbs von Bohemisten übersetzte) Buch Do tmy (Ins Dunkel) der Autorin Anna Bolavá sein.

Und wenn wir schon so bei sympathischen tschechischen Autorinnen sind, dann wurden zum diesjährigen Josef-Škvorecký-Preis gleich vier davon nominiert: die schon erwähnte Anna Bolavá ist mit dem gleichen Titel im Finale, mit dem sie schon beim Manesia Litera mit dem Buchpreis für Prosa ausgezeichnet wurde, Sylva Fischerová mit dem Titel Bizom aneb Služba a mise (Bizom oder Dienst und Aufgabe) und Markéta Pilátová mit dem Buch Hrdina od Madridu (Der Held von Madrid).

Die vierte Nominierte ist, meiner Meinung nach die Interessanteste von allen, die Autorin Zuzana Brabcová. Ihren fünften und letzten Roman Voliéry (Volieren) beendete sie noch vor ihrem plötzlichen Tod im September letzten Jahres im Alter von 56 Jahren. Das Buch ist ein erschreckendes, teilweise groteskes, wie ein Pseudotagebuch und grenzstilistisch. Ein Buch für alle, die leicht von Melodik und Lesbarkeit einer Geschichte trunken werden. Ein Buch wie eine Berührung aus dem Jenseits. Ich bezweifle, dass das Buch gewinnen wird, aber schon die Nominierung ist erfreulich.

Sehr geehrte Bohemisten aus dem Ausland, liebe Studenten, Freunde. Von herbstlichen Kürbisseufzern gab es in dieser Kolumne wohl zu viele.

Haben Sie – trotz der vorherigen Nachforschungen – ein ruhiges und sonniges Ende Oktober.

Dora Kaprálová

Aus dem Tschechischen Ruben Höppner